Chronik der Gefallenen

Schattenspiele – I. R. Leys

Liam zog eine Grimasse. „Eher im übertragenen Sinn. Der Nebel ist eine Art außer Kontrolle geratene Energie“, erklärte er zögernd. „Du hast, einfach ausgedrückt, etwas Dunkles in dir, das versucht, die Oberhand zu gewinnen.“
Alexis konnte nicht anders, als sich das Gesagte bildlich vorzustellen. In gewisser Weise verstand sie, was Liam ihr zu sagen versuchte. Und doch überforderte sie der Gedanke, dass etwas in ihr war. Übelkeit überkam sie.
„Und was macht Nebelwandler so gefährlich?“, fragte sie weiter und wappnete sich innerlich vor der Antwort.
Sein Blick war ernst. Er nahm ihre Hand, und seine Wärme beruhigte sie ein wenig. „Ihr zerstört. Seelen, Städte, einfach alles. Das ist eure Natur.“
„Weshalb?“, fragte sie leise und schluckte.
„Weil ihr zu viel gesehen habt.“
– Kapitel 20 | S. 182 –

Klappentext: Die russische Stadt Czernoc ist gezeichnet von Verfall, Hoffnungslosigkeit und Gefallenen – Menschen mit gespaltenen Seelen, die ihren Abgründen und Trieben verfallen sind -, die zu jagen sich eine Gruppe von Seelenjägern verpflichtet hat. Diese sogenannten „Schatten“ sorgen für das Gleichgewicht zwischen Gut und Böse. Doch als eine Nebelwandlerin gesichtet wird, eine gefährliche Art der Gefallenen, verschwimmen die Grenzen zwischen Verbündeten und Feinden und Liam, ein Seelenjäger, wird mit einem Fehler konfrontiert, den er vor Jahren begangen hat. Und während er versucht, die Stadt vor dem drohenden Chaos zu retten, beginnt er seine Loyalität zur Erschafferin der Seelenjäger und deren Intrigen infrage zu stellen.

– Rezensionsexemplar –

„Chroniken der Gefallenen – Schattenspiele“ ist der dystopische Fantasy-Auftakt der Selfpublisherin I. R. Ley, welcher auf 371 Seiten (eBook .epub-Version) die düsteren Geschehnisse um die Schatten, Lux und Alexis erzählt. Es hat insgesamt 44 Kapitel, die auf drei Teile unterteilt sind. Außerdem gibt es ein Inhaltsverzeichnis, sowie ein Glossar für russische Ausdrücke, die innerhalb der Handlung genutzt werden.

Die Handlung selbst wird konstant aus der Form eines auktorialen Erzählers geschildert, welcher jedoch Absatzweise in die personale Erzählweise wechselt. Insbesondere die Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle der Personen Alexis, Liam, Ryuk, Eldar und Cedric werden dabei betont. Hauptaugenmerk liegt jedoch zu Beginn auf Liam und Alexis, schließlich auf Ryuk und Alexis.
Inhaltlich geht es um Liam, den Tod höchstpersönlich, welcher Teil der sogenannten Schatten ist. Diese sind Ewige, von der Mutter wiederbelebte Untote, denen die Aufgabe zuteil wurde, in der Stadt für Ordnung zu sorgen. Wie sie dies tun? Indem sie die Seele von Gefallenen befreien und verhindern, dass jene Seelen erneut Ärger verursachen können. Jedoch versagt der Reaper Liam bei einem Auftrag, wodurch Alexis überlebt – und mit ihr der dunkle Nebel in ihr, welcher ihre Seele aufzufressen droht und das neue Zeitalter der Finsternis einläuten könnte.

Der Titel „Chroniken der Gefallenen – Schattenspiele“ referiert auf die Seelen, welche es zu befreien gilt. Jene sind zahlreich und die Schatten, sowie Lux haben es sich zur Aufgabe gemacht, sich darum zu kümmern. Außerdem werden deren Geschichten erzählt, insbesondere auf eine Person bezogen. Ich finde den Titel daher sehr gut gewählt.

Das Cover zeigt ein in einen dunkelgrauen Mantel verhülltes Skelett, welches vor der nebeligen Silhouette eines Palastes steht und von zwei Raben – schwarz und weiß – umflogen wird. Im Vordergrund ist eine karge Landschaft abgebildet, mitsamt einer roten Quelle, welche für das Blut steht, welches vergossen wird. Das Skelett steht hierbei für Liam, auf welchen sich die Handlung größtenteils konzentriert. Die Raben stellen ebenfalls Liam dar, aber auch eine weitere, wichtige Person. Doch ich will nicht spoilern!
Die Erscheinung des Covers ist sehr düster und reflektiert die inhaltlichen Geschehnisse. Mich hat es sofort angesprochen und ich finde es wirklich gelungen!

Der Plot nimmt bereits von Anfang an seinen Lauf. Zuvor wird eine kurze Einführung in die Welt, die Charaktere und deren Berufungen gegeben, ehe viele Situationen passieren. Man erfährt mehr über Liam, welcher als Reaper dazu beauftragt ist die Seelen ihren Schicksalen zuzuführen. Gleichzeitig aber auch über Alissa, die Mutter aller Ewigen und die Geschichte, wie es überhaupt dazu kam. Schließlich steht jedoch Alexis im Fokus, welche eine Seltenheit unter den Ewigen darstellt – und besonders ihr Nebel sie so gefährlich macht.
Aber auch wird man im Laufe der Handlung mit grotesken Monstern, politischen Intrigen und geladenen zwischenmenschlichen Interaktionen konfrontiert. Es passiert ganz schön viel und inhaltlich wird der Fokus von Liam und die Schatten, auf Alexis und Ryuk und schlussendlich auf Alexis gelegt. Eine klare Linie, was genau handlungstechnisch passiert, war für mich schwer zu erkennen. Nichtsdestrotrotz fand ich es durchweg spannend und aufregend und die eröffnete Welt lieferte immer wieder etwas Neues. Ich liebe die Grundidee dahinter, auch wenn ich die Handlung an manchen Stellen etwas verwirrend fand.

Die Charaktere sind alle sehr unterschiedlich und richtig spannend gestaltet. Ich liebe die Idee der Ewigen, der Gefallenen, ihrer verschiedenen Fähigkeiten und Berufungen.
Insbesondere Alexis empfand ich als sehr aufregend. Ich mochte sie von Anfang an, vor allem die Darstellung ihrer ‚psychischen‘ Problematiken und wie sie sich schlussendlich entwickelte, ihrer Macht bewusst.
Aber auch Ryuk hat einen Platz in meinem Herzen gewonnen. Angefangen als böses Arschloch, hat er doch etwas Weiches und Zerbrechliches, welches er insbesondere Alexis offenbart. Er ist sehr vielschichtig und das hat mir mega gut gefallen. Oh, und natürlich seine Fähigkeit. Wenn ich mir etwas aussuchen könnte, dann wäre ich auch Illusionist!
Liam, welcher zu Beginn vorgestellt wird, hat mich ebenfalls überzeugt. Er ist gänzlich anders, als man sich einen typischen Sensenmann vorstellen würde. Deshalb reflektiert er auch oft seine Berufung, die ihm zuteil wurde. Er ist einfühlsam, ruhig und besonnen, jedoch auch impulsiv. Ich mochte ihn einfach.
Aber auch alle anderen Charaktere habe ich gemocht. Auch die Idee der Schatten und der Lux und der politischen Intrige, die ausgespielt wurde.

Fazit
Nachdem ich einen etwas holprigen Start in die Erzählung hatte, hat sie mir besonders ab Teil 2 richtig gut gefallen! Der Schreibstil ist einfach und dennoch schafft die Autorin eine großartige, dunkle Welt. Manchmal habe ich mich aber etwas erschlagen gefühlt und die Klassifizierung in ‚Ewige‘, ‚Gefallene‘ und alles drum herum ist mir – glaube ich – noch immer nicht ganz klar. Dennoch war es richtig spannend, die Atmosphäre überaus passend, mit einer gewissen Portion Humor und Brutalität.
Was ich mir aber letzten Endes noch gewünscht hätte, auch wenn es nicht direkt mit dem Inhalt des Buches zusammenhängt, eine Triggerwarnung oder Content Notes. Es werden nämlich doch ziemlich sensible Inhalte angesprochen, wie die Ausschreibung von Suizid oder detailreiche Ausschmückungen von Panikattacken.
Wer allerdings dystopische Dark Fantasy mag, dem kann ich es nur wärmstens empfehlen.

Eure Isa

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