Das Fragment des Schicksals

– Isabel Aust

„Er hätte kommen sollen“, sagt Tempest, als hätte sie meinen Gedanken gelauscht. „Es war falsch, es dir zu überlassen.“
„Er hatte keine Zeit.“
Doch sie hat recht. Dich hätte man mit offenen Armen empfangen. Deshalb sind wir hier – und, weil ich es mir einfach nicht nehmen lassen konnte, Mutter wenigstens einmal leiden zu sehen. Zumindest dieser Wunsch hat sich erfüllt.
Ich drücke die Kippe auf dem Asphalt aus. Dafür, dass ich meine Vergangenheit lange hinter mir gelassen habe, klebt sie so hartnäckig an mir wie Pech.
Prolog | S. 14

Klappentext: Wo bei allen drei Höllen bist du?
Die Antwort ist mir natürlich klar: unterwegs, wie immer. Auf Schatzsuche, auf Abenteuer, versteckt zwischen den Fugen dieser Stadt, in Hinterzimmern und Ballsälen.
Seit du verschwunden bist, lebe ich dein Leben, und niemand, weder Prinz noch Verbrecherboss, ahnt, wer ich bin. Bis ich ihr begegne – der Frau mit Silber in den Augen. Sie führt mich auf deine Spur, in unsere Vergangenheit und quer durch Tiara, diese schrecklich schöne Stadt am Meer. Hier hat sich der Aberglaube auch nach eintausend Jahren gehalten.
Hier, so heißt es, sei die Macht der Fragmente noch real.
Hier gibt es noch Geister, und sie warnen mich:
Der Preis für Zauberei wird in Blut gezahlt

– Rezensionsexemplar –

„Das Fragment des Schicksals“ ist der Fantasy-Auftakt der Selfpublisherin Isabel Aust, welcher auf 394 Seiten (eBook .epub-Version) die Ereignisse um die Brüder Osian und Amian Mariano schildert. Es umfasst insgesamt 20 Kapitel, sowie einen Prolog und einen Epilog. Außerdem gibt es eine Danksagung, sowie Triggerwarnung.

Die Handlung wird konstant aus der Sicht des Ich-Erzählers erzählt, welcher gleichzeitig die Hauptfigur Osian darstellt. Lediglich in den Rückblenden wird auf einen auktorialen Erzähler zurückgegriffen, der abwechselnd die Geschehnisse aus Osians oder Amians Sicht erzählt. Demnach erfährt die Leserschaft nur, was Osian denkt und was ihm widerfährt. Dennoch wird eine logische Handlung erschlossen und Stück für Stück enträselt.
Inhaltlich handelt die Erzählung von Osian Mariano, welcher sein Leben mit dem seines Bruders getauscht hat. Jedoch hört und sieht er fast ein Jahr lang nichts mehr von jenem, wodurch er sich auf die Suche nach ihm macht. Dabei wird er von einem Geist namens Tempest begleitet, den er schon seit seiner Kindheit sehen kann. Außerdem trifft Osian auf Gale, welche ein ganz besonderes Verhältnis zu Amian hat – und ihm düstere Hinweise auf seinen Verbleib liefert.

Der Titel „Das Fragment des Schicksals“ lässt auf vieles schließen, was sich in der Handlung abspielt. Gleichzeitig umfasst es aber auch, was die Geschichte darstellt: ein Fragment diverser Schicksale. Er ist interessant, mystisch und gleichzeitig sehr klug gewählt.

Das Cover ist in einem schönen dunklen Rot gestaltet und mit goldenen Akzenten gespickt, während im Fokus allerdings der Titel steht, der in weiß gehalten wurde. Außerdem fällt der Blick auch automatisch auf die weiße Figur, direkt unterhalb des Titels. Ansonsten ist das Cover sehr detailreich, wodurch man immer wieder etwas Neues entdecken kann und fängt die Atmosphäre des Inhalts sehr gut ein. Ich habe mich sofort darin verliebt! Denn auch wenn es viele Details hat, ist es dennoch minimalistisch und nicht überladen.

Der Plot erzählt eine Geschichte, welche sich mit jedem Kapitel weiter entfaltet. Es ist keine Reise, kein Abenteuer, die der Protagonist beschreiten muss. Viel eher mutet es einem Rätsel an, welches die Leserschaft gemeinsam mit Osian entschlüsseln muss. Es ist kein typisches Fantasy-Buch, welches uns eine entfernte Welt vorstellt, sondern ich persönlich habe mich irgendwie in die 1920er/1930er Jahre zurück versetzt gefühlt. Lediglich kleine Elemente, die im Auftakt noch keine allzu große Rolle spielten, haben das Fantasy-Feeling übermittelt: Geister, Fragmente, eine mögliche Parallelwelt.

Inhaltlich wird alles aus der limiteriten Sicht von Osian geschildert, welcher jedoch zu Beginn gar nicht als jener vorgestellt wird. Auch seine Person beginnt bereits als ein einziges Rätsel, welches sich mit jedem Kapitel weiter lösen lässt. Gleichzeitig lässt sich gerade durch seine Sicht die Geschichte so gut erzählen, die sich eigentlich um Amian und seine Familie dreht; um die Fragmente, welche sein Bruder gesucht hat und die als Aberglaube abgetan wurden. Es ist schwer, den Inhalt irgendwie wiederzugeben, denn das Rätsel nimmt gleich zu Beginn seinen Lauf und eins führt zum Anderen. Davon möchte ich natürlich nichts wegnehmen!

Ich habe mit Osian mitgefiebert, habe die spannende Handlung förmlich verschlungen und selbst gerätselt. Die Wendungen und Plottwists waren nicht vorhersehbar und insbesondere das Ende hat es in sich. Ich finde es äußerst gut gelungen und mir hat es sehr gefallen!

Die Charaktere sind divers, jedoch muss man die Beschreibungen der Anderen natürlich mehr als einmal hinterfragen. Schließlich wird nur das präsentiert, was Osian über sie denkt oder von ihnen weiß. Osian selbst beginnt ebenso als Rätsel, welches sich im Laufe der Handlung als vielschichtiger Protagonist entwickelt, der insbesondere viele Schattenseiten hat und doch ein gutes Herz. Gerade die Rückblenden haben viel über ihn verraten oder sein stetiger Austausch mit Tempest, seiner Geisterfreundin. Ich fand ihn jedoch von Anfang an glaubhaft und sympathisch und mochte ihn bis zum Schluss.
Auch Tempest, die Geisterfreundin Osians, welche zu jeder Situation eine passende Geschichte ihres Sterbens parat hatte, war glaubhaft und tiefgründig gestaltet. Sie ist zwar nur der Sidekick von Osian, hat jedoch selbst eine spannende Tiefe erhalten – für einen Geist. Persönlich war sie mein ruhiger, lustiger Liebling der Handlung.
Aber auch Amian, über welchen die Leserschaft am wenigsten erfährt, erhält einen ganz besonderen Charakter. In den Rückblenden lernt man ihn ein wenig kennen, ansonsten nur aus den Erzählungen der anderen Charaktere. Für mich schwankte er stets zwischen „So ein Arsch..“ und „Ok, Herz am richtigen Fleck“. Obwohl er in der Handlung selbst eigentlich gar nicht vorkommt, wurde seine Figur sinnvoll eingesetzt und man konnte sich trotzdem ein Bild über ihn machen.
Insbesondere Gale hatte schließlich viel von ihm zu berichten. Gleichzeitig ist sie wohl das größte Mysterium der Handlung, welches wohl insbesondere in Buch 2 nochmal thematisiert wird. Ich empfand sie als erfrischenden Charakter und habe durch Amian und sie einen gewissen „Bonnie & Clyde“-Charme gekriegt.

Auch die Nebencharaktere empfand ich alle als gelungen und mit einzigartigen Charaktereigenschaften gespickt. Sie waren alle etwas extrem in ihrem Verhalten, aber gerade dadurch haben sie unheimlich zu den Dialogen und Handlungen beigetragen. Douglas, der talentierte Fälscher, ist wohl mein Liebling, obwohl er wirklich merkwürdig ist.

Fazit
Ich habe es verschlungen. Ich habe jeden Satz genossen. Ich konnte mit Osian mitfiebern und rätseln. Und insbesondere das Ende hat mich total in meiner Ansicht über das Buch bestärkt.
Letztlich lässt sich sagen: ein starker und toller Auftakt. Es war erfrischend nicht den typischen Fantasy-Stereotypen und Topoi zu begegnen, sondern mal etwas Anderes innerhalb des Genres zu lesen. Eine tolle Geschichte, die mich total abgeholt hat und ungeduldig auf Band 2 warten lässt. Klare Empfehlung für alle, die Fantasy mögen und nach ein wenig altem Zauber und Charme suchen, abseits der typischen Fantasy-Elemente!

Falls ihr gerne mehr über „Das Fragment des Schicksals“ oder die Autorin Isabel Aust erfahren wollt, schaut gerne auf ihrer Homepage https://www.isabelaust.com/ vorbei. Außerdem ist sie auch auf Instagram unter @isabelaust anzutreffen! Lasst ihr ein wenig Liebe da, wenn ihr vorbei schaut.

Eure Isa

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