Das Lied der Nacht

C.E. Bernard – Wayfarer-Saga

Die Trommeln.
Die Trommeln in den Tiefen der Berge.
Die Trommeln.
Das war der Moment.
Das war der Moment, in dem die Schatten sich erhoben.
Aus der Tiefe, aus der Finsternis stiegen sie empor.
Zwei waren es. Groß, schwarz und lautlos glitten sie hinter den Grabhügeln hervor. Verharrten dort.
Ja, nur zwei waren es zunächst. Zwei riesige Gestalten, hoch wie die Grabhügel in ihrem Rücken.
Und dann glitt der dritte heran, glitt über den Grauen Pfad.
Und der vierte.
Bahr zögerte nicht. Sie rannte zur Treppe und stieg auf den Wehrgang hinauf. Dort lehnte sie sich über die Zinnen und brüllte mit einer Stimme, die durch jahrelange Seefahrerkommandos geschult war: „Lauft!“
Caer und Weyd fuhren herum, als sie die Warnung hörten. Wie Cassian. Wie die Dorfbewohner. Sie alle wirbelten zu den Hügelgräbern herum.
Wo die Schatten warteten.
Und die Trommeln dröhnten.
– Das Lied der Nacht | S. 101f. –

Klappentext: Ich erzähle euch eine Geschichte. Sie beginnt in einem finsteren Tal mit hohen, schneebedeckten Bäumen. Sie beginnt mit einem einsamen Wanderer in den fahlen Stunden des Zwielichts, in der bläulich glänzenden Dämmerung. Sie beginnt mit einer Frage: Fürchtet ihr euch?

Meine Bewertung:
„Das Lied der Nacht“ ist der Auftakt der Wayfarer-Saga von C. E. Bernard. Neben der poetischen Erzählung, welche auf 386 Seiten beschrieben wird, befindet sich innerhalb des Buches eine Leseprobe zum zweiten Teil. Aber es gibt auch einige digitale Sonderinhalte zu entdecken, wie eine Hörprobe, ein Begrüßungsvideo der Autorin, die Playlist und das Moodboard auf Pinterest.

Die Erzählung an sich ist in Rahmen- und Binnenhandlung unterteilt, welche durch einen auktorialen Erzähler beschrieben werden. In der Rahmenhandlung wird eine Geschichte erzählt, in welcher es in der Binnenhandlung eigentlich geht. Es soll der Eindruck vermittelt werden, dass der Leser*in sich mitten im Geschehen befindet; als richte sich die Erzählung direkt an jene*n.

Verfolgt wird durchgängig eine Hauptgeschichte, die jedoch durch unterschwellige Perspektivenwechsel, die auch Mitten in der Handlung auftreten, unterstützt wird. Damit wird der Leser*in an mehrere Orte gleichzeitig geführt, um die Geschichte aus jeder Perspektive hören zu können.

Die Geschichte handelt von einer Gruppe Entwurzelter, welche aus dem Wanderer Weyd, der Bardin Caer und ihren Freunden Bahr, Jori und Bellitas besteht. Jene wohnen in einem alten Posthaus, nicht weit von der eisernen Festung entfernt, in einem Land, in welchem es nicht erlaubt ist des Nachts zu singen oder ein Licht zu entzünden. Die Angst vor den schwarzen Schatten ist zu groß.
Doch dass diese bereits wieder zurück sind, bereit alles und jeden in den Tod zu reißen, ahnen die Freunde noch nicht. Erst als ein Überlebender einer Siedlung sie aufsucht und ihnen davon berichtet, bleibt ihnen nichts Anderes, als zu fliehen. Alles, was sie mit auf den Weg bekommen, ist ein Teil eines alten Liedes, in einer Sprache, welche niemand mehr zu sprechen weiß – das Lied der Nacht.
– Und außerdem die mysteriöse Botschaft, die Feuer wieder zu entzünden.
Also begibt sich die ungleiche Truppe in die eiserne Festung um den grausamen eisernen Baron über die Geschehnisse in Kenntnis zu setzen. Doch er hat kein Interesse an dem Wohl seiner Bürger. Sondern viel eher an einem blutigen Krieg.

Der Titel „Das Lied der Nacht“ ist überaus passend gewählt. Es macht neugierig und gleichzeitig dient er als Bindeglied der Erzählung. Außerdem wird er sogar innerhalb der Geschichte wieder aufgegriffen und sogar zum leitenden Motiv.

Das Cover ist in mystischen Blautönen gehalten. Abgebildet ist ein Gebirge und eine schemenhafte Burg bei Vollmond, während in der Ferne Feuer zu brennen scheinen. Es ist glänzend und hat ein gewisses Gefühl bei der Berührung. Schwer zu beschreiben, es fühlt sich einfach ziemlich gut an! Außerdem ist es durch den Glanz wirklich hübsch und bekommt etwas noch Phantastischeres.
Der Titel steht mitten im Gebirge. Ich mag aber die minimalistische, malerische Ausführung des Covers und finde es überaus passend. Schließlich spielt auch die Durchquerung des Gebirges eine wichtige Rolle, die damit aufgegriffen wird.

Der Plot war leicht zu verfolgen, da der auktoriale Erzähler die Binnenerzählung leitet. Der Schreibstil hat der ganzen Handlung etwas Poetisches verliehen und zumindest mich sogleich verzaubert. Ich konnte mich von der Geschichte gar nicht losreißen.
Die Handlung dreht sich insbesondere um den Wanderer Weyd und dessen Bardin Caer. Nachdem sie von einem Überlebenden des Schattenangriffs aufgesucht werden, entscheiden sie sich zur eisernen Festung und dem eisernen Baron zu fliehen. Dort gibt es harte Regeln – des Nachts darf es nur geflüstert werden und kein Licht entzündet werden, aus Angst die unnachgiebigen Schatten anzulocken. Es wird klar: die umliegenden Dörfler müssen evakuiert werden, aber das schaffen sie nicht alleine. Ein Glück schließt sich ein Gardistentrupp an, der ihnen hilft die Flüchtigen in die Burg zu schaffen. Doch der Eiserne Baron hat Sorge, dass die Vorräte nicht reichen. Dass die Entwurzelten für alles Schlechte Schuld sind.
Denn sie bringen das Lied der Nacht in die Stadt und auch wenn die Bardin einen gewissen Stand hat, lässt sie sich nicht davon abbringen, ihrem Wanderer zu helfen und ihre Stimme in der Nacht zu gebrauchen.
Doch es scheint nur eine Sache zu geben, die wirklich funktioniert: „Entzündet die Lichter!“.
– Während in der eisernen Stadt die Scheunen und Häuser brennen. Ihnen wird klar, dass sie über das Gebirge hinweg weiter reisen müssen, auch wenn es ein überaus gefährlicher Weg ist, um die vier Lichter zu entzünden.

Die Charaktere sind vielfältig und interessant. Was mir jedoch zuerst aufgefallen ist: sie alle sprechen unterschiedliche Sprachen, welche ihnen wie Magie einige Vorteile bieten. Caer kann mit den Klängen sprechen, welche für sie lauter und leiser werden können; Jori mit den Tieren und Bahr mit dem Feuer. Ich finde diesen Aspekt sehr gut gelungen und mal eine andere Ansicht auf Magie.
Die Hauptcharaktere, bestehend aus der Gruppe ungleicher Freunde, welche sich schon viele Jahre kennen, werden bereits im ersten Kapitel ausführlich vorgestellt. Man bekommt einen detaillierten Eindruck der einzelnen Personen und erfährt in kurzen Fassungen die Vorgeschichten von ihnen. Bahr lebte als Seefrau auf einem Schiff, Jori versuchte jede Sprache der Tiere zu erlernen, Weyd wanderte unablässig umher und Caer arbeitete stets als Bardin, auch beim Eisernen Baron.
Dabei sind sie alle sehr unterschiedlich und werden durch die auktoriale Erzählinstanz in passenden Momenten noch weiter ausgeschmückt. So wurde vor allem die Liebe zwischen Weyd und Caer sehr deutlich, welche die ganze Handlung über begleitet. Jedoch nicht penetrant, sondern innerhalb des poetischen Ensembles.
Während Weyd sehr ruhig und pessimistisch ist, am liebsten alles im Alleingang erledigen würde und sich nur gegenüber seiner Bardin Caer sanft gibt, ist jene aufmüpfig und steht als Kämpferin für sich und ihre Freunde ein, wobei sie auch sehr aufopferisch wirkt. Bahr und Jori sind beide etwas älter und besonnener; Jori verkörpert den guten Freund, auf den man besonders aufpassen muss, der jedoch in allem und jedem etwas Gutes sieht; Bahr ist die schroffe Seemansfrau, welche durch ihre Erfahrungen glänzt und gleichzeitig nicht ohne Furcht ist. Jeder Charakter hat eine eigene Haupteigenschaft, wodurch sie sich in der Gruppe sehr gut ergänzen und für gewitzte Dialoge und Handlungen dienen.

Doch auch die Nebencharaktere, wie das Zwillingspaar Jelscha und Andrin, welche den Trupp früher oder später begleiten und ebenfalls nützliche Eigenschaften mit sich bringen oder Ealdre, der keinen Menschen verkörpert, gehüllt in seinen Sternenmantel, sind sehr schön ausgekleidet und werden innerhalb der Erzählung vertieft. Allgemein beschränkt sich die Autorin auf das Auskleiden der wichtigsten Charaktere und verweilt nicht lange mit eher unwichtigen. Das hat mir richtig gut gefallen!

Fazit
Ich war von Seite 1 an richtig gefesselt. Mich hat der besondere Schreibstil der Autorin sofort abgeholt und nicht mehr frei gelassen. Richtig interessant fand ich, dass die Rahmenerzählung wirklich einen in die poetische Erzählung mitgenommen hat. Wieso poetisch? Die Art, wie sie schreibt.. doch auch begegnen uns Lieder und Gedichte in der Handlung, die den Moment oder Abschnitt passend unterstreichen.
Doch auch die Handlung finde ich sehr gelungen und bin auf mehr gespannt. Allerdings kam er relativ langsam in Fahrt, was mich aber nicht gestört hat, da ich so mit dem Entdecken der Charaktere und des Schreibstils beschäftigt war. Ein Glück ist der zweite Teil ja jetzt schon erschienen!
Es gab lediglich eine Sache, die mich aber nur von der Struktur her gestört hat: die Kapitel waren sehr lang. Ich bin eine Person, die gerne nach einem Kapitel mal eine Pause macht und das Buch vielleicht weglegt. Aber hier musste ich auch innerhalb des Kapitels inne halten, da sie doch schon Mal zwischen 40 und 60 Seiten beeinhalteten.

Absolute Leseempfehlung, für alle, die High Fantasy und einen anspruchsvolleren Schreibstil mögen.

Schaut gerne auf meinem Instagram @buch_phantastismus vorbei und lasst mir euren Leseeindruck da!

Deine Isa

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