Die Birkenbraut und ihr Ungeheuer

Arianne L. Silbers

Es war der junge Mann aus den Schatten!
Die späten Sonnenstrahlen berührten seine fahle Haut wie neugierige Kinder. Er sah einfach ungesund blass aus, als hätte er in seinem Leben noch kein Tageslicht gesehen.
Jetzt tat es Onora leid, dass sie Leiris geantwortet hatte. Wie sollte dieser Mann, der im Stehen noch hagerer wirkte, gegen eine brutale Bestie antreten, die Riesenhirsche für die Brautwerbung im Herbst riss? Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengrube ergriff sie Leiris Hand. Doch die Drune lächelte ihr unbeirrt zu.
„Das wird ein guter Kampf, sieh ruhig hin.“
Aber Onora wollte nicht hinsehen. Sie wollte, dass es nichts zu sehen gab! Sie wollte sagen, dass das Wahnsinn war! Oder verhielt sie sich kindisch? Keine der anderen Drunen sagte ein Wort oder sah besorgt oder sonst irgendwie gerührt von dem Ganzen aus. Die grünen Frauen schauten nur mit derselben unverlöschlichen Begeisterung auf das Feld wie schon die gesamte Zeit über.
– Die Birkenbraut und ihr Ungeheuer | S. 54f. –

Klappentext: Onora liebt Bücher und gute Geschichten – zwei Dinge, für die ihr kriegslustiger Clan nichts übrig hat. Und so schließt sie sich eines Tages den weisen Drunen an, die tief im Wald das Wissen der gesamten Welt versteckt halten. Als Onora allerdings anfängt, von einer mysteriösen Tür aus Birkenholz zu träumen, wird ihr klar, dass die Drunen neben all ihren Chroniken auch Geheimnisse horten. Zusammen mit dem düsteren Hecser, der gegen seinen Willen zu ihrem Beschützer ernannt wird, schleicht sie sich schließlich in den Irrgarten der Gelehrten, um die Tür aus ihren Träumen zu finden. Doch je tiefer Onora sich in dem von Monstern bewachten Labyrinth verläuft, desto mehr weicht ihre Furcht vor dem mitleidlosen Krieger einem ganz anderen Gefühl, das sie in das Verderben stürzen könnte, sollte sie die Birkenholztür wirklich erreichen. Denn auch Hecser verbindet etwas mit der rätselhaften weißen Tür – ein Zauber, zu alt und finster, um einen Namen zu haben. Und nicht jeder Fluch lässt sich brechen…

Meine Bewertung:

„Die Birkenbraut und ihr Ungeheuer“ ist der fantastische Debütroman der Autorin Arianne L. Silbers, in welcher sie eine mystische Märchenwelt aufbaut, die jedoch düsterer und tückischer ist, als man zuerst annehmen mag. Auf 433 Seiten wird hierbei die Geschichte von Onora erzählt, welche sich von ihrem Familienclan lossagt, als Ziel die mystischen Drunen, die ihre Liebe zu Büchern teilen und im tief verborgenen Wald leben. Da sie von Zuhause flieht, gelingt es ihr in den Wald zu gelangen und tatsächlich gerät sie an die wissbegierigen Drunen, die jedoch nicht dieses harmlose Volk sind, von welchem Onora gehört hatte. Stattdessen lassen sie Helden für sich kämpfen und heilen sie mit ihrem magischen Kuss, während sie dunkle Geheimnisse horten, wie all das Wissen der Welt. Insbesondere einer dieser Helden fällt Onora auf: der dunkle Hecser, welcher stets mit seinen Krähen anzutreffen ist. Einerseits fürchtet sie sich vor ihm, doch andererseits kann sie nicht von ihm lassen. Ihr wird nicht klar, dass ihrer beider Schicksale miteinander verwoben sind. Doch welche Wendungen das Schicksal für sie bereit hält und was es mit dem Tod ihrer Mutter, sowie den magischen Holztüren auf sich hat, muss sie am eigenen Leibe erfahren.

Die Handlung erstreckt sich auf 31 Kapiteln, die nicht nummeriert sind, sondern jeweils einen eigenen, zum Inhalt des Kapitels passenden Titel haben. Zudem sind jene mit einem schönen grafischen Schlüsselloch verziert; die Seitenzahlen werden durch eine Pflanzenranke geschmückt. Ebenso gibt es eine Karte der Ländereien, sodass man den Geschehnissen im Buch auch auf jener folgen kann.

Die Erzählperspektive wechselt zwischen Onoras und Hecsers Sicht, sodass man zwei völlig unterschiedliche Perspektiven kennenlernt. Die Handlung verfolgt jedoch einen Hauptstrang und wird nur durch Nebengeschehnisse gespickt. Jedes Kapitel folgt aber konstant der Haupthandlung.

Der Titel „Die Birkenbraut und ihr Ungeheuer“ fasst die Geschehnisse im Buch passend zusammen: schließlich geht es um Onora, welche aufgrund ihrer Familiengeschichte der Birke sehr verbunden ist und auch der magischen Birkentür, welche es zu finden gilt. Mit ihrem Ungeheuer ist natürlich Hecser gemeint, der aufgrund eines Befehls nicht anders kann, als sie zu beschützen und ihr zu folgen. Allerdings gibt es auch Hinweise auf das Ende – aber das verrate ich natürlich nicht!
Demnach ist der Titel wohlüberlegt und gut gewählt. Er mutet vielleicht etwas lang an, mich persönlich stört das aber nicht, sondern regt vielmehr zu ersten Überlegungen zur Handlung an.

Das Cover ist phänomenal – anders lässt es sich nicht beschreiben. Auf dem grünen Umschlag findet sich die Illustration einer weißen Frauengestalt, deren pompöses Kleid in Wurzeln mündet. Man sieht nur ihre Hinteransicht, doch es passt unglaublich gut zum Titel und zur Handlung.
Aber auch der Titel fällt auf: das „Ungeheuer“ ist in anderer Schrift verfasst, als der Rest des Titels und mit einer schwarzen Andeutung einer Krähe unterschattet.

Jedoch ist das nicht alles! Nimmt man den Einband ab, offenbart sich ein zweites Cover, ganz in weiß gehalten und der Rinde einer Birke nachempfunden. Mittig findet sich ein magisches Schlüsselloch in Form eines silbernen Vogels, während die Schrift „Folge dem silbernenen Vogel, und verirr dich nicht!“ sich auf der Rückseite des Buches fortführt und von gefährlichen Krallenspuren durchzogen wird. Hier wurde viel Liebe ins Detail gesteckt und selbst wenn man es mehrere Male betrachtet, kann man immer wieder ein weiteres kleines Detail feststellen.

Der Plot ist einfach zu verfolgen und durchzieht das ganze Buch wie ein roter Faden. Bereits zu Beginn der Handlung wird klar, was Onoras Ziel ist und was sie verfolgt. Gleichzeitig wird ihr eine unglaubliche Märchenwelt offenbart, die jedoch neben ihren schönen Seiten nicht nur düster, sondern auch äußerst brutal ist, wie die zurückhaltende Onora schnell erfahren muss. Gleichzeitig erfährt sie während ihrem Abenteuer mehr über den mysteriösen Tod ihrer Mutter – und dem Volk der Drunen.

Im Laufe der Handlung erfährt sie aber auch dank Erinnerungen und Geschichten auch Dinge über andere Personen. Es ist ihre besondere Gabe, welche ich überaus gelungen empfand.

Ich war von Anfang an gefesselt. Die Handlung ist einfach gehalten und nicht unnötig verkompliziert. Ich empfand sie als überaus logisch und nachvollziehbar, wobei sie aber auch nicht vollkommen vorhersehbar oder langweilig wurde. Es passierte immer etwas Spannendes; etwas, was ich als Leserin in dieser bizarren Welt entdecken konnte.

Gleichzeitig durfte natürlich ein wenig Liebe nicht fehlen. Ich empfand es nicht als störend, aber auch nicht als Notwendigkeit. Nur eine Szene ließ mich stocken, welche sich zwischen Onora und Hecser abspielte und Missbrauch verherrlichend erschien. Jedoch möchte ich euch nicht spoilern, aber bei Interesse schreibt mir gerne!

Die Charaktere, ganz gleich ob Protagonisten oder Nebencharaktere, sind mit der nötigen Tiefe versorgt. Insbesondere der düstere Hecser hat mir hierbei gefallen, da aufgrund seiner Vergangenheit und den Erinnerungen klar wurde, weshalb er so ist, wie er ist. Auch gefiel mir, dass er wie ein Antagonist wirkt und gleichzeitig den absoluten Gegenpart zu Onora darstellt, was auch deutlich wurde und immer wieder passend betont wurde.

Onora hingegen.. wir hatten einen holprigen Start. Einerseits empfand ich es als durchaus erfrischend, dass Onora nicht gleich zu Beginn stark und entschlossen war. Viel eher musste sie sich durch ihre Erfahrungen und ihr Abenteuer selbst finden. Andererseits hätte ich sie manchmal gerne geschüttelt und war wirklich frustriert. Sie war so zurückhaltend und schüchtern.. Doch je weiter ich las, desto besser wurde es. Ich konnte ihren Werdegang vollkommen nachvollziehen und verstehen.

Aber ich bin immer noch Team Hecser!

Doch auch die Nebencharaktere wie Sommer, Doraín, Briana, Drua, Leiris und Finnabir (um nur ein paar zu nennen), waren alle sehr unterschiedlich und wirklich interessant. Sie haben die Handlung spannend ergänzt und selbst auch für einige Wandlungen und Plottwists gesorgt!

Besonders fasziniert war ich aber von den Drunen an sich. Silbers hat eine Rasse erschaffen, von jener ich so noch nie gelesen hatte. Auch deren Geschichte spielt sich in der Erzählung wider, von ihrer Entstehung bis zu ihrem Tod. Ich habe es wirklich genossen!

Fazit
Das ist ein Debütroman? Kaum vorstellbar! Arianne L. Silbers hat eine Welt eröffnet, aus welcher ich nicht gerne wieder hinaus wollte. Ich war fasziniert von der lebendigen Beschreibung der Natur, der Charaktere und den Rassen, die sie vorgestellt hat. Ich mochte das Märchenhafte, aber auch die Dunkelheit, die sie ihrer Erzählung verliehen hat. Und auch das Motiv der Erinnerung, sowie der Holztüren haben mich sofort abgeholt und ich konnte es mir richtig bildlich vorstellen.

Absolute Leseempfehlung! Ich hoffe, dass bald ein zweiter Band kommt.

Hast du das Buch schon gelesen? Wenn nicht, dann schau gerne mal auf Instragram bei der lieben Arianne vorbei, unter @arianne.l.silbers. Dort entführt sie dich ganz ausführlich in die Welt der Birkenbraut!

Deine Isa

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