Dornenthron

Boris Koch

„Hat wirklich niemand Lust auf ein wenig Hängen?“ In gespielter Enttäuschung warf Arlac die Arme in die Höhe. „Ist doch sowieso zu heiß zum Leben.“
Aber niemand meldete sich freiwillig für die Schlinge, niemand wusste, wie weit der Narr seine Scherze trieb.
„Schade, Räuber, aber ihr scheint hier keine Freunde zu haben! Ihr werdet ganz ohne Gesellschaft hängen müssen“, rief Arlac zu Grigo hinunter. Der König hatte ihn aufgefordert, die Verurteilten lächerlich zu machen, weil Grigo kein einfacher Räuber gewesen war, sondern sich als Freund der Armen inszeniert hatte. Jetzt sollte sein Tod weder besonders qualvoll noch anderswie außergewöhnlich sein, um ihn nicht zum Märtyrer zu stilisieren. Doch weil ein Mensch auch bei einem banalen Tod Würde bewahren oder erlangen konnte, musste Arlac auch das noch verhindern. Diese Würde gönnte Tiban einem Räuber, der ihn Tyrann genannt hatte, nicht, aber als König durfte er sie ihm nicht selbst nehmen, sonst hätte er seine verloren. Nur Arlac durfte alles, er lebte außerhalb jeder Vorstellung von Würde und Anstand, von ihm wurde weder Verstand noch moralisches Verhalten erwartet.
– Der Narr, der in die Höhe strebt | S. 129f. –

Klappentext: Die Kaiserstadt Ycena war einst prunkvoll und voller Leben, nun stehen nur noch von alter Hexerei verseuchte Ruinen – und der albtraumhafte Palast, in dem die Kaisertochter schlafen soll. Den Legenden zufolge wird ihr Retter die dreizehn Königreiche wieder vereinen und Kaiser werden.
Um das Reich vor seinem tyrannischen Vater zu schützen, begibt sich Ukalion, der Bastard des Königs, auf die Suche nach der schlafenden Prinzessin. An ihrer Seite will er selbst den Dornenthron besteigen. Doch mächtige Gegner und uralte Magie haben andere Pläne für das Kaiserreich…

„Dornenthron“ ist der Auftakt der epischen Fantasy-Dilogie von Boris Koch, welcher auf 429 Seiten die Handlung aus fünf verschiedenen Erzählperspektiven beleuchtet. Es ist in 16 Kapitel unterteilt, welche nochmals in mehrere nummerierte Abschnitte unterteilt werden. Jedes Kapitel behandelt dabei eine andere Perspektive, um somit die dazugehörigen Charaktere, sowie deren Hindernisse und Ziele, darzulegen.

Inhaltlich handelt das Buch vorrangig von Ukalion, dem Bastard des Königs, der als einfacher Müllersgehilfe bei seiner Mutter und seinem Stiefvater lebt. Da die Jagd in den Wäldern für die arme Bevölkerung nicht erlaubt ist, macht er es heimlich, zusammen mit seiner Freundin Ckarya. Als jene erwischt wird, versucht er von seinem Rang als Bastard Gebrauch zu machen, scheitert allerdings. Nach Gefangennahme und Bestrafung Ckaryas, entsinnt er sich auf die alte Legende, die sich um den alten Kaiser und die Kaisterstadt Ycena rankt. Er nimmt sich vor, die schlafende Kaisertochter zu erwecken und als Kaiser die dreizehn Reiche zu einen – und Rache für das Leid der Bevölkerung und den Tod Ckaryas zu nehmen.

Doch er ist nicht der Einzige, welcher sich nach Ycena aufmacht, um die schlafende Kaiserstocher zu erwecken. Auch Anthia sucht die Macht, während Tyra lediglich versucht ihren entführten Sohn wiederzufinden. – Und auch die jungen Geschwister Perle und Ion machen sich auf den Weg nach Ycena.

Der Titel „Dornenthron“ lässt ganz eindeutig auf das schließen, um was es geht – den Thron im alten Kaiserpalast, versteckt unter den Dornenhecken. Gleichzeitig lässt es bereits an Dornröschen erinnern, da es sich bei dieser Geschichte ja um eine Neuinterpretation handelt. Mich hat der Titel sogleich angesprochen und ich finde ihn passend gewählt.

Das Cover zeigt ein ovales Fenster, durch welches sich Dornenranken ranken. Die Farbgebung ist dunkel gehalten, in Blau- und Grüntönen, passend zu der düsteren Geschichte. Der Titel, welcher in der Mitte platziert wurde, ist in goldenen Lettern verfasst und fügt sich schön in die Gesamtkomposition ein. Außerdem befinden sich im Fensterrahmen viele Details, wodurch bei immer wieder erneutem Betrachten noch ein weiteres kleines Ornament auffällt.

Der Plot ist jedoch schwer zu beschreiben. Die Protagonisten haben nur wenig miteinander zu tun; lediglich das Schicksal von zwei werden am Ende verwoben. Die anderen Drei und deren Begleiter verfolgen eigentlich gänzlich andere Ziele und demnach auch eine andere Handlung. Mir fiel es dabei schwer den Überblick zu behalten und eine Gesamthandlung zu erschließen. Insbesondere da der Strang von Anthia voller Lücken ist und ich schon dachte, ich hätte ein Kapitel überlesen.

Nach dem, was ich jetzt verstanden habe, dreht sich die Haupthandlung jedoch um Ukalion und dessen Suche nach Ycena, sowie dem Dornenthron. Als Ziel: Kaiser werden, um über seinem tatenlosen Vater zu stehen.

Die Handlung des Gauklers Arlac dient lediglich als düstere Betonung der brutalen Zustände im Königreich, sowie die genauere Beschreibung jener. Sein Handlungsstrang hat nichts mit Ycena zu tun.

Perle und Ion, welche vor ihrem Vater fliehen, da er die Beiden an einen wohlhabenden Gutsherrn verkaufen will, haben mich sehr an das Märchen „Hänsel und Gretel“ erinnert, wobei das wohl beabsichtigt war. Sie finden ein Häuschen im Wald, nachdem sie einige Tage dort unterwegs sind und sich überraschend gut durchschlagen können, da Perle mit ihrem Vater öfters im Wald war und einige Dinge in Sachen Spurensuche und Überleben gelernt hat. Jedoch spielt sich ihre Handlung nur dort ab und nachdem jene abgeschlossen ist, wollen sie plötzlich nach Ycena, um die Reichtümer zu sammeln und sich so von dem Gutsherrn und ihrem Vater freikaufen zu können. Denn auch wenn sie weggelaufen sind, werden sie noch immer als Eigentum behandelt.

Tyra, welche einst mit einem übernatürlichem Geruchssinn gesegnet war, hat jenen nach ihrer Schwangerschaft mit ihrem Sohn Dario verloren. Daher arbeitet sie bei einem alten Freund in einem Parfümgeschäft. Eines Abends wird jedoch ihr Sohn von einem Hexer entführt und alles, was ihr bleibt, ist eine Münze. Als sie jene bestimmen lässt, wird ihr erzählt, dass sie aus Ycena stammen muss. Daraufhin beschließt sie, dort nach ihrem Sohn zu suchen.

Anthia, welche dem Tod ihres Bruders zusehen muss, beschließt Rache für jenen zu nehmen und die Missstände zu beenden. Also setzt sie sich ebenfalls als Ziel, die Kaisertochter aufzuwecken. Doch zuvor sucht die sie Bibliothek auf, in welchem sie sich weitere Informationen über die ehemalige Kaiserstadt erhofft. Dort trifft sie auf Inrico, der ihr einige nützliche Informationen liefert. Und dann bricht ihre Handlung ab und wir erfahren nichts mehr über sie, außer, dass Anthia verletzt ist, sie sich ausruhen und den Weg wieder aufnehmen.

Um ehrlich zu sein hätte ich Dornröschen nicht unbedingt erkannt, wäre es nicht als Neuinterpretation betitelt worden. Ich habe durchaus märchenhafte Elemente erkannt und neben dem schlafenden Reich wurden auch andere Märchen und Sagen aufgegriffen, aber ich habe eher gedacht, dass ich eine andere Seite der Geschichte kennenlerne (mehr Handlung in Ycenia und Interaktion mit der Kaiserstocher, was passiert wenn man sie versucht zu erwecken; eher eine Alternative des Märchenendes oder was mit den Seelen passiert, während das Reich schläft). Vielleicht hatte ich auch einfach falsche Erwartungen. Allerdings empfand ich die Handlung an sich sehr langatmig und wenig spannend, insbesondere da letzten Endes etwas ganz Anderes verfolgt wurde, nämlich die Suche nach Dario und nicht die Erweckung der Kaiserstochter. Es hat mich zudem verwirrt, dass die Protagonisten alle sehr unterschiedliche Handlungen verfolgten, die nur durch ein Motiv (Hexerei) wirklich miteinander verwoben waren. Ich weiß, es gibt einen zweiten Teil und vermutlich wird gerade dort die ganze Spannung entladen. Jedoch hätte ich mir auch im Auftakt etwas mehr Klarheit und Aufregung gewünscht, vor allem da die Handlung mit Ukalion so vielversprechend begonnen hatte. Und das Ende ist kein wirklicher Cliffhänger, sondern wirkt eher wie ein Abbruch der Handlung, weil es ja im zweiten Teil weiter geht. Keine Ahnung. Mich hat es leider nicht abgeholt.

Die Charaktere hingegen waren sehr spannend gestaltet. Ich mochte Ukalion sofort und seinen Sinn nach Gerechtigkeit und konnte seine Zielsetzung durchaus nachvollziehen. Ich mochte seine Interaktionen mit anderen Charakteren und hätte es auch überhaupt nicht schlimm gefunden, wäre die Haupthandlung lediglich aus seiner Sicht geschrieben worden.

Auch der Gaukler Arlac, welcher genau seinen Berufsstand verkörpert, aber von allen Charakteren am meisten Tiefe verliehen bekommen hat, hat mich total überzeugt. Ich fand es total interessant, dass seine Gedankengänge und Gefühle so gut nachzuvollziehen waren – der Schreibstil hat ihn toll ergänzt.

Tyra mochte ich auch, auch wenn ich starke „Das Parfüm“-Vibes bekommen habe. Doch auch von ihrer Art, eine starke Frau, die sich gegenüber Männern schlau behaupten kann, hat sie mich überzeugt. Ich habe zwar nicht viel von ihren wirklichen Gefühlen und Gedanken erfahren (außer im Bezug auf Dario), aber das hat mich nicht gestört.

Perle und Ion mochte ich auch. Die Geschwisterbeziehung wurde sehr deutlich und auch, dass Perle eindeutig die Ältere ist. Ich mochte ihre Interaktionen und empfand sie ihrem Alter überaus entsprechend. Ihren Handlungsstrang mochte ich auch am meisten.

Von Anthia habe ich leider überhaupt nichts erfahren. Vermutlich daran liegend, dass der zweite Teil sich vorzugsweise um sie dreht. Schade eigentlich, das wäre doch eine gute Gelegenheit gewesen, sie gebührend vorzustellen und mit einer gewissen Tiefe zu versehen.

Aber auch die Nebencharaktere waren sehr unterschiedlich und tolle Ergänzungen. Besonders gefallen haben mir Belizar, Telamon und Isa. Oh, und der namenlose Hexer.

Fazit
Abschließend würde ich diesen Auftakt als „solide“ bezeichnen. Der Schreibstil war flüssig und bildhaft zu lesen und hat mir sehr gut gefallen. Insbesondere die Charaktere waren interessant und auch die Welt wurde anschaulich, bildhaft und spannend beschrieben. Die Handlung hingegen empfand ich als langwierig und wenig aufregend und von einer Neuinterpretation von Dornröschen habe ich irgendwie nicht viel gelesen. Gestört hat mich auch, dass die Charaktere am Ende noch nicht einmal zusammen gefunden haben. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde in Band 1 die Hintergründe erklärt werden und in Band 2 jetzt die richtige Handlung beginnen. – Jedenfalls gehe ich mal davon aus. Band 2 werde ich erst in ferner Zukunft lesen, denn wirklich gespannt darauf bin ich momentan nicht.

Eure Isa

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