Eisenwolf

Siri Pettersen – Vardari

Nafraím betrat den Laden. Die Glocke zitterte über der Tür und er drehte den Schlüssel um. Juva wich einen Schritt zurück und stieß gegen den Ladentisch.
„Ich brauche einen kleinen, handlichen Schleifstein. Könntest du einen für mich holen? Ihr habt sie im Keller, meine ich mich zu erinnern.“
Der Blick des Mannes wanderte zwischen Juva und Nafraím hin und her, bevor er nickte und sich in ein Hinterzimmer verdrückte. Er schloss die Tür hinter sich.
Juva tastete mit der Hand am Ladentisch entlang, nach einem der Dolche, die sie dort gesehen hatte. Nach irgendetwas, das nützlich sein konnte. Sie hatte das Gefühl, als würde sich der Raum um sie zusammenziehen. Sie wollte laufen, hatte aber keine Kontrolle mehr über ihre Füße.
Sie konnte die Karte so deutlich unter ihrem Wollhemd fühlen, dass sie sicher war, dass er sie sehen konnte. Doch Nafraím tat nichts, stand bloß da und musterte sie, was ihr wie eine Ewigkeit vorkam. Er hatte etwas Gehetztes im Blick. Etwas Schlafloses.
„Du kannst mich erspüren.“, sagte er endlich. Das klang nicht wie eine Frage.
Er kam zu ihr und beugte sich vor, hätte um Haaresbreite ihre Wange mit seiner berührt. Sein Atem roch süßlich verfault, wie überreife Beeren.
„Weißt du, warum? Kannst du sie in den Adern fühlen, die Kraft, die Welten verbindet?“
Er ist geisteskrank.
– Nafraím & Juva | S. 257f. –

Klappentext: Juva hasst Blutleserinnen. Sie werden für ihre Hellsichtigkeit gefeiert, sind aber nichts als Betrügerinnen, die mit den Ängsten der Menschen spielen. Juva stammt zwar selbst von ihnen ab, hat sich aber geschworen, niemals eine von ihnen zu sein. Als jedoch ihre Familie von den Vardari – den Ewigwährenden, niemals Alternden – bedroht wird, begibt sie sich auf die Jagd nach dem Erbe der Blutleserinnen: ein dunkles Geheimnis, das einst die Welt verändert hat und es möglicherweise wieder tun wird. Doch um zu überleben, muss Juva ihr eigenes Trauma bewältigen: Sie hat als Kind den Teufel gesehen…

Meine Bewertung:
Anmerkung: ich beziehe mich lediglich auf die deutsche Ausgabe

„Eisenwolf“ ist der Auftakt der neuen Vardari-Trilogie von Siri Pettersen. Es spielt im gleichen Universum wie die Rabenringe-Trilogie, einige hunderte Jahre später. Die Handlung spielt sich auf 542 Seiten ab und konzentriert sich wieder auf eine weibliche Protagonistin, nämlich die Jägerin Juva. Es gibt mehrere Perspektiven, welche die Haupthandlung beleuchten. Auch wird eine Nebenhandlung verfolgt, die jedoch eher dazu dient Spannung aufzubauen und Erklärungen einfließen zu lassen.
In der Erzählung geht es um Juva, welche einem der großen Blutleserinnen-Familien angehört. Allerdings will sie damit gar nichts zu tun haben, denn für sie sind diese Frauen nichts als Schwindlerinnen, die viel zu viel Geld einnehmen. Stattdessen tritt sie in die Fußstapfen ihres Vaters, welcher Jagd auf Wölfe gemacht hatte und gehört einem Jagdtrupp an. Als einzige Frau und dazu noch im Alter von neunzehn Jahren, wird sie aber nicht von allen ernst genommen und immer wieder mit ihrem Familienclan in Verbindung gebracht. Sie kann diesem Namen und den Blutleserinnen nicht enfliehen. – Aber deren Zukunft verändern, wenn auch ungewollt.
Das Problem: natürlich haben die Blutleserinnen Feinde. Nafraím will sie alle tot sehen.

Wie von den Rabenringen gewohnt, hat Pettersen auch hier eine starke Widmung formuliert, welche die Atmosphäre der Handlung beschreibt und auf kluge Weise schon Hinweise auf ein sehr wichtiges Motiv (welches ich euch nicht verrate!) gibt:

„Und für dich. Für dich und für alle, die Angst haben. Für dich und alle, die in unfassbarer Unruhe gefangen sind. In gnadenloser Angst, die urplötzlich zuschlagen kann, wenn ihr es am wenigsten erwartet. Für dich und alle, die einen Krieg gegen den eigenen Körper führen und sich vor dem Geräusch der eigenen Herzschläge fürchten.
Das hier ist euer Buch.“

Der Titel „Eisenwolf“ ist überaus passend, da er das wichtigste Ereignis im Buch andeutet und den Höhe- und Wendepunkt der Handlung markiert. Vardari hingegen ist ein Begriff, der in den Rabenringen noch nicht eingeführt wurde, aber eine Rasse meint, die dort schon existiert – insofern ich das richtig aufgefasst habe. Der Titel passt zudem gut zum Cover, denn Wölfe haben auch Reißzähne.

Das Cover ist gewohnt minimalistisch, wie bei den anderen drei Büchern der Rabenringe auch. Es herrscht sogar die ähnliche Farbgebung vor, nur ist es dieses Mal ein dunkler Hintergrund mit heller Schrift. Darauf zu sehen ist eine Illustration von blutigen Reißzähnen. Diese deuten auf die Vardari, Wölfe und die Krankheit, welche im Buch ein weiteres wichtiges Motiv darstellt. Zudem ist dieses Mal keine Bewertung auf dem Cover, was mich wirklich sehr glücklich macht!

Der Plot war logisch und hat mir gut gefallen und ich habe mich von Beginn an reingefunden. Ich habe viele Elemente entdeckt, die ich von den Rabenringen schon kannte und konnte die Zusammenhänge gleich verstehen.
Doch zur eigentlichen Handlung: Juva gehört zu einer Familie von Blutleserinnen, doch sie will mit alldem nichts zu tun haben. Stattdessen arbeitet sie als Jägerin um ihrer Familie, bestehend aus Mutter und Schwester, so gut es geht aus dem Weg gehen zu können. Dementsprechend lebt sie abseits in einem Gasthaus und jagt mit ihrer Jagdgruppe Wölfe, um die sogenannte Wolfskrankheit, welche in der Stadt kursiert, ausmerzen zu können.
Eines Tages taucht jedoch ihre jüngere Schwester auf und erzählt ihr, dass ihre Mutter krank wäre und sie vor ihrem Ableben noch einmal mit Juva sprechen wollen würde. Sie sieht sich gezwungen einige Tage in ihrem alten Zuhause zu verbringen, welches jedoch keine guten Erinnerungen beherbergt: ihre Panikattacken, in Form ihres klopfenden Herzens, welches sie mit Beruhigungsmitteln zu ersticken versucht, keimen jedes Mal auf, wenn sie einen Fuß in das Haus setzt. Trotzdem ringt sie sich durch um das Erbe zu besprechen, welches ausnahmslos an ihre Schwester gehen soll.
Doch dann stirbt ihre Mutter überraschend. Das Erbe geht an Juva – und damit das Geheimnis um den Teufel, über welchen sie jetzt wachen soll. Das rätselhafte daran: ihre Mutter sagt ihr, dass Nafraím nichts davon erfahren darf. Juva begibt sich daraufhin auf die Suche nach dem Teufel – und findet ihn.
Nafraím ist ein Vardari und lebt schon viele Jahre in der Stadt. Aber es tritt eine gravierende Veränderung ein: die Gabe erwacht erneut. Damit erwacht in ihm eine uralte Angst, welche ihn auf die Suche nach dem Teufel bringt, der sich in den Fängen der Blutleserinnen befindet.

Die Charaktere sind sehr interessant. Am besten gefallen hat mir Juva, welche durch ihre Traumata wieder eine besondere Tiefe bekommt, gespickt mit psychischen Problemen, die sich in jeder ihrer Handlung wiederspiegeln. Dennoch ist sie eine junge starke Frau, welche manche Male zwischen Leidenschaft, Verstand und Angst gefangen scheint. Außerdem empfand ich ihren Werdegang als überzeugend und vor allem am Ende hat sie mich richtig gepackt. Ich konnte mich sehr gut in sie reinfühlen und empfand sie als wirklich gelungenen Charakter. Manche Male habe ich ihre Handlungen aber nicht nachvollziehen können, aber es waren kleine Dinge und sie haben mich nicht weiter gestört.
Neben Juva gibt es auch Rugen, der bis zum letzten Drittel eine recht wichtige Rolle spielt. Er hat ein besonderes Verhältnis zu der Protagonistin und stellt den kompletten Gegenpol zu ihr dar. Allerdings läuft es auf keine Romanze hinaus und wenn ich ehrlich bin, hat er mich ein wenig an Stefan aus „Fäulnis“ erinnert – nur mit dem Unterschied, dass hier das Ziel von Rugen glasklar war und ich seine Handlungen verstehen konnte. Was mir jedoch nicht so gefallen hat ist, dass seine Kapitel sehr sexuell waren und ich nicht ganz nachvollziehen konnte, woher das kam. Manchmal fand ich das sehr zufällig eingeschmissen.
Aber auch der Vardari Nafraím spielt eine wichtige Rolle in der Handlung und nimmt den Part des sympathischen Bösen ein. Warum auch immer habe ich total mit ihm gefühlt und mochte ihn sogar. Im Gegensatz zu den anderen Beiden waren seine Abschnitte immer ruhig und wohl überlegt; man konnte im Stil förmlich anmerken, dass er besonnener und älter ist. Aber auch bei ihm gab es insbesondere eine Stelle, die ich sehr zufällig und unnötig sexuell fand.
Es gibt auch einige Nebencharaktere wie Broddmar, Ester, Solde, Eydala, Kefla und viele mehr, welche die Handlung immer zu passenden Zeiten auflockerten oder vertieften. Sie wurden zu bestimmten Zeiten eingefügt und haben die Handlung bis zum Schluss begleitet (wenn sie nicht gestorben sind – Minispoiler, hehe). Ich empfand sie alle als sehr erfrischend und sehr divers. Von Kefla gibt es aber bestimmt auch noch mehr im zweiten Band zu lesen und ich freue mich richtig darauf!

Fazit
Ein wirklich gutes Buch, welches ich nur empfehlen kann. Die Handlung war logisch und einfach zu verfolgen, auch wenn das erste Drittel eher der Einführung diente. Insbesondere ab dem Finden des Teufels wurde es so richtig spannend.
Die Charaktere hatten eine gewisse Tiefe und insbesondere Juva konnte mit ihren Traumata, die immer wieder vertieft wurden, und ihrer Entwicklung überzeugen. Auch die Nebencharaktere empfand ich als passend! Zudem war auch die Wolfskrankheit richtig interessant, aber auch zu sehen, wie das gleiche Universum einfach einige Jahrhunderte später aufgebaut wurde. Und der Teufel.. das fand ich richtig gut, da es nochmals an die Rabenringe anknüpfte. Pettersen hat eine gewisse Fortführung, aber auch Neuauflage der Welt der Rabenringe vorgelegt und ich freue mich sehr auf den zweiten Band!

Wie findest du Vardari im Vergleich zu den Rabenringen? Lass‘ es mich gerne wissen!

Deine Isa

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