Fäulnis

Siri Pettersen – Die Rabenringe

„Das hat niemand von uns. Ich habe es nicht. Du hast es nicht. Ich bezweifle, dass überhaupt irgendein Lebewesen es hat. Also kommen wir nirgendshin. Aber sie hatte es. Älter als die Sünde, stärker als Rabenblut.“
„Das stimmt nicht, Hlosnian. Wir sind durch die Tore gekommen, genauso gut wie sie. Es geht nicht um Blut.“
„Es geht immer um Blut. Wir sind von dieser Welt in diese Welt gereist. Das ist keine lange Strecke. Es ging gut, weil wir hier zu Hause sind. Aber sie.. Sie lässt mich vieles hinterfragen.“
Rime spürte, dass die Luft kälter wurde. Hatte er das Problem von der falschen Seite betrachtet? Vielleicht gab es nichts, was die Gabe bei den Steinen stärker machen konnte. Musste er sich selbst vielleicht stärker machen?
Er sah den Steinflüsterer an. „Du irrst dich in einem Punkt, Hlosnian.“
„In den meisten Dingen, hoffe ich. Woran denkst du?“
„Wenn es so was wie Reiseblut gibt, dann ist sie nicht die Einzige die es hat. Die Blinden hatten es auch.“
– Rime & Hlosnian | S. 79f. –

Klappentext: Hirka ist in der fremden Welt der Menschen gestrandet. Hier trifft sie auf Menschenjäger und Totgeborene und sehnt sich nach Rime, ihrem einzigen echten Freund. Doch ihr Kampf ums Überleben verblasst, als sie die Wahrheit über ihre Herkunft erfährt und verstehen lernt, dass die Quelle der Fäulnis seit über tausend Jahren nach Freiheit strebt. Das Schicksal zweier Welten und derjenigen, die sie liebt, scheint immer mehr in Hirkas Händen zu liegen…

Meine Bewertung:
Anmerkung: ich beziehe mich lediglich auf die deutsche Ausgabe
(ACHTUNG: Das Fazit ist voller Spoiler, da ich versuche Dinge zu erklären. Falls du das Buch spoilerfrei lesen willst, dann lies das Fazit besser nicht. Ich habe den Rest der Rezension so spoilerfrei wie möglich gehalten.)

„Fäulnis“ ist der zweite Teil der Rabenringe-Trilogie und umfasst 532 Seiten. Wieder geht es um eine vorrangige Haupthandlung, welche durch drei Charakter-Sichten erzählt wird. Wie im vorherigen Band auch, verfolgen die jeweiligen Charaktere einen eigenen Nebenplot, der in den jeweiligen Kapiteln aufgeschlüsselt wird.
Die Haupthandlung dreht sich weiterhin um die Protagonistin Hirka, welche nach den Ereignissen in Ymsland durch die Rabenringe in eine andere Welt geschickt wird. Nein, nicht in irgendeine andere, sondern in die Welt der Menskr, aus welcher sie kommt. Dort erhofft sie sich ein friedliches Leben. Oder? Graal will Hirka finden. Koste es, was es wolle. Er hat schließlich noch eine uralte Rechnung zu begleichen. Und Rime An-Elderin versucht indessen nach der Ernennung zum Rabenträger den Rat zu verstehen und Manfalla auf einen anderen Weg zu bringen. Doch Hirka geht ihm nicht aus dem Kopf und ihm bleibt nur eine Möglichkeit: ihr zu folgen.

Erneut ist die persönliche Widmung der Autorin hervorzuheben:

„Und für dich und alle, denen die Erde wichtig ist. Für alle, die ihr allein kämpft, weil der Abgrund zwischen euren Träumen und unserer Wirklichkeit viel zu tief ist. Für alle, die ihr die Erde in einem besseren Zustand verlassen wollt, als ihr sie bei eurer Ankunft vorgefunden habt. Für alle, die ihr schon immer wusstet, dass wir in die falsche Richtung unterwegs sind.
Das hier ist euer Buch.“

Auf den Titel und die Ereignisse bezogen, ist es erneut eine überaus durchdachte Widmung, die die Atmosphäre des Buches beschreibt. Gleichzeitig betont sie den Aspekt, der die Welt der Menschen und auch unser reales Problem beschreibt: der Zerfall der Welt, aufgrund des Klimawandels, der Vergänglichkeit und der Fäulnis. Dies wird immer wieder im Text betont.

Erneut lässt sich ein Glossar am Ende des Buches finden, sowie eine Vokabelliste für alle, die gerne die Blindensprache lernen würden – oder aber einfach nur die Begrifflichkeiten verstehen, die innerhalb der Erzählung genutzt werden.

Der Titel „Fäulnis“ spiegelt sich nicht nur ständig in der Handlung wieder, sondern verbindet auch den Auftakt mit dem Folgebuch. Hirka, als Mensk in der falschen Welt, verbreitet schließlich diese Fäulnis, von welcher die Rede ist. Der Titel ist also überaus passend gewählt und lässt erneut auf die Inhalte der Fiktion schließen.

Das Cover ist minimalistisch und in der Farbgebung passend zum Vorgängerbuch. Wieder ist es in grauen Tönen gestaltet, mit schwarzer Schrift. Anstelle des Ym-Schwanzes findet sich aber ein skelettierter Rabenkopf, welcher die düstere Atmosphäre betont und für ein bestimmtes Ereignis im Buch steht, welches überaus wichtig ist. Gleichzeitig ist es ein erneutes Verbindungsstück, vor allem zum Ende von „Odinskind“.
Von der Gestaltung her lässt es sich gut von „Odinskind“ unterscheiden, doch sind sie so ähnlich, dass sie eindeutig zu einer Reihe gehören. Ich mag es sehr gerne!

Allerdings wurde auch hier wieder eine Bewertung auf das Cover gedruckt und es stört mich noch immer. Ich verstehe nicht, warum es nicht unter dem Klappentext stehen kann.

Der Plot… Nun, ich war enttäuscht. „Odinskind“ hat mich so gefesselt und begeistert, dass ich hohe Erwartungen an den Folgeband hatte. Aber die Handlung hat mich weder ergriffen, noch für mich Sinn gemacht. Vielleicht habe ich manche Elemente einfach nicht verstanden, aber für mich wirkte es so, als wäre dieses Buch ein Lückenfüller und eine Vorerklärung zum dritten Band; als hätte man unbedingt eine Trilogie aus der Geschichte machen müssen. Allerdings gehe ich darauf nochmals genauer im Fazit ein.
Doch zum eigentlichen Inhalt: Hirka reist durch die Rabenringe in die Welt der Menschen und landet in York in England. Dort versucht sie sich in ein normales Leben einzufinden, doch sie sehnt sich ständig nach Ymsland. Sie hat keine Freunde, abgesehen von Jay, welche ihr Smartphones und das alltägliche Dasein einer Jugendlichen erklärt – und ihr die Sprache näher bringt, welche ihr zuerst ebenfalls fremd war. Zudem lebt Hirka in einem Glockenturm einer kleinen Kirche, in welcher Pater Brody das Sagen hat. Aber dort darf sie nicht bleiben. Und ihr Rabe Kuro, der sie begleitet hat, wird aufgrund der schlechten Nahrung in der faulenden Welt immer kränker, während ihr keiner helfen kann. Er stribt. – Und ein Blinder nimmt seinen Platz ein, welcher in der Welt der Menschen gar nicht existieren dürfte.
Hirka erfährt, dass es nicht nur diesen einen Blinden in der Menschenwelt gibt, sondern mehrere. Sie trifft auf Stefan, einen Jäger, der ihr weis macht, dass es viel mehr Blinde in dieser Welt gibt – und ehemalige Menschen, die abhängig von diesen sind. Außerdem werden sie nicht Blinde genannt, sondern Totgeborene.
Gleichzeitig dringt Rime in Eisvaldr in die geheime Bibliothek ein, denn er will mehr über die Blinden erfahren und wie er Hirka zurück bekommen kann. Er liest vom Krieg um Ymsland, vom Seher und dessen Bruder. – Und damit erfährt er, dass Hirka in Gefahr ist und er festigt seinen Plan, sie zu finden, auch wenn es ihn zu einem Sklaven macht.
Graal, der nicht nur Hirka und seinen Bruder finden und für sich will, sondern auch ein bestimmtes Buch benötigt, weitet seine Macht in Ymsland aus und schmiedet einen Plan, wie er sein Volk zu neuer Größe verhelfen kann. Die Tänzerin Damayanti und auch Rime helfen ihm dabei – wenn auch unfreiwillig.

Die Charaktere sind dieses Mal anders, als in „Odinskind“. Von der wilden Hirka ist kaum etwas übrig; sie denkt stets nur an Rime und Ymsland, was in fast jedem Kapitel irgendwie erwähnt wurde, sodass ich es irgendwann wirklich nicht mehr lesen konnte. Ich verstehe, dass die Hürde einer fremden Welt und Sprache ihr den Funken vielleicht nehmen, aber ihre Handlungen konnte ich nicht nachvollziehen. Ihre Emotionen waren für mich irgendwie nicht greifbar. An manchen Stellen war ich wirklich verwirrt, weil ich ihren Entscheidungen, die widersprüchlich wirken, nicht folgen konnte.
Das Gleiche gilt für Rime. Er wird den Band über von einer unbändigen Wut auf alles und Jeden geleitet, was für mich keinen Sinn machte. Während er in „Odinskind“ noch eine gewisse Rationalität und Gefühlskälte beherbergte und nur gegen Ende die Wut hervorblitzte, ließ er sich nun vollkommen nur davon treiben. Dadurch zerstörte er alles – wissentlich! – was ihm etwas Wert war und traf Entscheidungen, die dadurch wirklich vorhersehbar waren. Gleichzeitig wurde auch in seinen Kapiteln ständig von Hirka gesprochen, was anfangs aber Sinn machte, da er ihre plötzliche Abreise nicht wahrhaben wollte. Ab der Mitte des Buches war ich aber gänzlich verloren und Rime für mich auch.
Stefan, der eine Mischung aus Haupt- und Nebencharakter darstellt, da Hirka ohne ihn nicht weiter gekommen wäre, ist ebenso merkwürdig. Er erhielt überhaupt keine eigene Tiefe, sondern ist stets ein nervöses Wrack, welches Hirka eben irgendwie durch die Welt chauffiert und navigiert. Man erhielt zwar einige Einblicke in sein Leben, aber wirklich aufschlussreich waren diese nicht. Er ist eintönig gestaltet und es wird nicht besser dadurch, dass er doppelt so alt ist und romantische Gefühle für sie hegt. Ich empfand ihn als deplatzierte Person, mit vorhersehbaren Entscheidungen.
Graal, welcher erst zur Mitte des Buches seine eigenen Kapitel erhält, ist dagegen interessanter. Er wirkt wie der Bösewicht von Band zwei, aber auch gleichzeitig nicht. Zwar hat sich der Hauptkern schnell herauskristallisiert, also dass er Hirka wegen einem bestimmten Grund haben will (auch die falschen Annahmen von Hirka und Stefan haben mich als Leserin nicht davon abhalten können gleich richtig zu raten). Doch er wirkt wie ein ruhiges, besonnenes Wesen, welches eindeutig einige Jahre in den Welten gefristet hat. Er hat eine gewisse Tiefe, wodurch man noch nicht weiß, ob man ihn mögen oder hassen soll. Ob er wirklich der Böse ist oder nicht. Dadurch wird gleichzeitig klar, dass es im dritten Teil weiterhin um ihn gehen muss. Er hat schließlich auch eine Rolle im ersten Teil gespielt, ohne dass man es wusste! Er ist ein interessanter Gegenpart zu Hirka und ich habe mich immer auf seine Kapitel gefreut, da man dadurch auch mehr über ihn und die Rasse der Totgeborenen erfahren konnte.

(ACHTUNG: Das Fazit ist voller Spoiler, da ich versuche zu erklären, weshalb mir das Buch nicht gefallen hat. Falls du das Buch spoilerfrei lesen willst, dann lies das Fazit besser nicht. Ich habe den Rest der Rezension so spoilerfrei wie möglich gehalten.)

Fazit
Es gibt eine Sache, die ich sehr lobenswert finde: die ständige Erinnerung der Autorin an die Vergänglichkeit der Welt und wie wir Menschen sie für unseren Nutzen verstümmeln. Immer wieder klingt an, wie wichtig Siri Pettersen die Umwelt ist und sie streut es überaus intelligent ein. Sie macht darauf aufmerksam, wie die Menschheit und die Welt stirbt und auch, wie wir selbst daran schuld sind. Ihre porträtierte menschliche Welt ist dieselbe, in welcher wir heute leben – und es hat mir vor Augen geführt, dass es umso wichtiger ist, mehr für die Welt zu tun. Das fand ich wirklich gut und es regte mich zum Nachdenken an.

Jedoch hat mich die Handlung an sich nicht überzeugt, wodurch ich dieses Buch nicht empfehlen würde. Dafür gibt es verschiedene Gründe, die ich versuche genauer zu erläutern:
a) Die Charaktere. Bis etwa zur Hälfte des Buches habe ich alles verstanden, was Hirka tut. Ich empfand es als merkwürdig, dass sie manche Entscheidungen so und so traf, da ich im ersten Band eine andere Hirka kennen lernte. Aber ich dachte „Ok, eine neue Welt, neue Sprache, sie ist vermutlich genau so verwirrt wie ich.“. Doch nach etwa einem Drittel des Buchs, als sie damit anfing gegen ihre eigenen Prinzipien zu handeln (tötet jemanden obwohl es nicht nötig gewesen wäre; versuchte ihren Vater und seinen waghalsigen Plan zu unterstützen; hasst Rime(?!) ) und widersprüchliche Entscheidungen (lässt sich von Stefan küssen; kann sich nicht entscheiden, ob sie ihren Vater hasst oder liebt; nimmt einfach alles hin, was Graal mit ihr tut; missbraucht ihren eigenen Status und ihr Blut) traf, da zweifelte ich an allem.
Aber nicht nur bei Hirka, sondern auch Rime, der endlich die Macht hat den Rat zu ändern, die Normen zu sprengen, also genau das, was er vorher wollte.. lässt sich nur von seiner blinden Wut führen? Seine ganze Vernunft und Kühle, die er im ersten Band an den Tag gelegt hat, scheint plötzlich verpufft. Er tötet seinen Lehrer und plötzlich lebt er nach dem Mantra, welches er all die Jahre vernachlässigt hat? Ich habe davon nichts geglaubt und war einfach nur durchgehend verwirrt.
Geschweige denn Niall, der nichts von Hirkas Plan merkt. Ein ewig alter Totgeborener, der aufgrund seiner Arroganz den Plan einer sechzehnjährigen nicht ansatzweise hinterfrägt? Und einfach so umgebracht wird, obwohl er der Seher ist und sein ganzes Volk dem Untergang geweiht hat?
Auch die Nebencharaktere waren einfach merkwürdig und haben stur die Handlung voran getrieben. Insbesondere die kleine Nebenhandlung mit der italientischen Frau und deren dementen Mann, den sie heilen lassen wollte, habe ich überhaupt nicht verstanden. Warum wollte sie ihn heilen lassen? Um schwanger zu werden für einen Erben? Weshalb war das relevant für die Haupthandlung? Oder die Mutter mit dem Kind, in deren Wohnungen Stefan und Hirka immer untergekommen waren. Wer war das, vielleicht Stefans Frau und Kind? Ich habe von all dem nichts verstanden, aber es wurde auch nicht erklärt. Vielleicht weil es eben nicht zur direkten Handlung gehörte. Aber ich hätte mir ein wenig Aufklärung gewünscht, wenn schon solch kleine detailreiche Szenen eingewoben werden.

b) Es gab keine überraschenden Wendungen. Es gab keine Emotionen. Es wirkte, als müsste man den dritten Band irgendwie einführen und das ist das Buch dazu. Es ist eine verwirrende Handlung, welche darin besteht, dass Hirka und Niall von Stefan von a nach z chauffiert werden und Hirka Dinge über sich und ihre Herkunft erfährt, die ihr dabei helfen ihren Plan zu erschaffen und zu festigen. Es passieren Ereignisse, die für mich keinen Sinn machen, wie Rimes Reise in die Menschenwelt, nur weil er Hirka sehen will; er den Schnabel nimmt, obwohl er ganz genau weiß, was mit ihm passieren wird. Dass sie sich sehen und danach hassen, obwohl sie sich ja so lieben. Dass Rime alles aufs Spiel setzt, alles verliert – und es ok ist. Dass Hirka tötet und fast schon gefühlskalt wirkt. Die ganze Handlung mit Stefan..

Für mich ist einfach zu viel passiert, was nicht genug begründet wurde und mir dadurch nicht logisch erschien, nach allem, was ich im ersten Band über Rime und Hirka erfahren habe. Vielleicht habe ich einfach ein paar Dinge nicht verstanden, wodurch sich dadurch bei mir einige Logikfehler ergaben. Aber die plötzliche Änderung der Charaktere zum Vorängerband, die hat mich einfach zusätzlich erschlagen. Schade.

Aber ich kann dir versichern, dass der dritte Band sich wieder auf dem Level des ersten Bandes befindet. Ich bin wieder richtig begeistert und freue mich, dir vom Ende der Trilogie erzählen zu können!

Falls du die Bücher schon kennst.. wie fandest du den zweiten Band? Das würde mich echt interessieren.

Deine Isa

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