Gabe

Siri Pettersen – die Rabenringe

Er wieherte. „Was passiert, wenn wir die Gabe wieder zu schmecken bekommen, was glaubst du? Die Dreyri werden wieder die Stärksten sein. Macht geht dorthin, wo immer Macht war. Deshalb sind die Machtlosen so wütend.“
„Also, wenn das so einfach ist, warum retten wir uns dann immer noch gegenseitig das Leben, du und ich? Warum lebe ich noch, wenn ich es doch bin, die sie zur Gabe bringen soll? Du versteckst dich unter einer Kapuze und schmeißt in den Straßen mit Flaschen, aber das eine, das die Zukunft ändern könnte, das tust du nicht? Du tötest mich nicht.“
„Nicht deinetwegen, falls es das ist, was du glaubst.“
„Warum dann?“
Er seufzte. Seine Augenlider wurden noch schwerer. „Es gibt immer Hoffnung, nicht wahr? Hoffnung, dass Veränderung zu etwas Besserem führt. Und die falsche Hoffnung, dass ich mein Leben zurückbekomme, wenn ich dich rette.“
„Wie meinst du das?“
Er legte die Klauen an den Tropfen auf der Stirn. „Den da. Eine falsche Hoffnung, dass sie ihn entfernen. Mich begnadigen. Mich wieder zum Umpiri machen, nicht zu einem Gefallenen. Ist es nicht das, wofür wir alle kämpfen? Wie sie zu werden. Sie, die alles haben.“
Seine Hand fiel wieder zurück aufs Bett. Hirka fühlte sich aller Kraft beraubt. Sie war nie jemand von Bedeutung gewesen. Sie war Odinskind gewesen. Fäulnis. Mensk. Hatte in einem roten Wagen auf den Straßen gelebt. Sie besaß nicht mehr, als in einen Beutel passte. Jetzt waren andere ganz unten. Jetzt war sie wie Rime. Aus einer mächtigen Familie und mit allem, was sie sich wünschen konnte. Sie war die, die Glück gehabt hatte, und es fühlte sich an wie Gift in den Adern.
– Kolail & Hirka | S. 137f. –

Klappentext: Hirka ist in der kalten, hierarchischen Welt der Blinden gelandet, wo sie als Halbblut zugleich angefeindet wie verehrt wird. Sehr bald muss sie erkennen, dass der Durst nach der Gabe stärker ist als alles andere, und dass ein Krieg gegen ihre Heimat Ym unausweichlich scheint. Und Hirka muss sich fragen, wofür sie kämpfen und auf wessen Seite sie stehen will …

Meine Bewertung:
Anmerkung: ich beziehe mich lediglich auf die deutsche Ausgabe

„Gabe“ ist der letzte Teil der Rabenringe-Trilogie, deren Handlung direkt an den Vorgängerband anschließt und auf 526 Seiten niedergeschrieben ist. Im Gegensatz zu den Vorgängerbänden gibt es hier keine Spaltung auf drei Protagonisten-Sichten, sondern lediglich auf zwei, während immer wieder unterschiedliche Sichten einfließen. Die Haupthandlung wird durchgehend aus der Sicht der zwei Protagonisten geschildert und spezifischen Akteueren untermauert.
Die Haupthandlung erfasst erneut das Abenteuer um Hirka, welche in einer weiteren Welt einkehrt – der Welt der Umpiri. Als Halbblut ist sie ein Teil dieser Welt, doch auch weiß sie, dass ein Krieg unabdingbar ist. Denn der Durst der Umpiri nach der Gabe, ist stärker, als Hirka dachte. Und das Schlimmste: sie kann diesen Durst durchaus nachvollziehen.
Während Hirka ihren Platz bei dem Umpiri einnimmt, versucht Rime seinen Platz als toten Mann beizubehalten, zu dem er geworden war, nachdem er in die Welt der Menschen reiste. Der Rat wird gestürzt, doch leider nicht durch seine Hand. Die wenigen Verbündeten, die er noch hatte, werden ausgemerzt. Gleichzeitig waltet die Macht im Schnabel – und die Gewissheit darüber, dass er gegen Hirka in den Krieg ziehen muss.

Auch im Abschluss der Trilogie hat die Autorin eine starke persönliche Widmung geschrieben, die erneut den Charakter der Handlung unterstreicht:

„Und für dich und alle, die verloren haben. Für euch, die ihr so voller Narben seid, dass euch schlecht wird, wenn andere sagen, ihr hättet Glück gehabt. Für euch, die ihr daran zweifelt, dass ihr jemals ein Ganzes werden könnt, weil ihr in so viele Stücke zerbrochen seid.
Für euch, die ihr glaubt, nie wieder aufstehen zu können.
Das hier ist euer Buch.“

Machtvolle Worte, die mich sehr berührt haben und auch unterbewusst das Buch über begleiteten.

Wieder findet sich ein Glossar am Ende des Buches vor, sowie eine erneute Vokabelliste. Innerhalb der Handlung habe ich sie nicht benötigt, da aus dem Kontext die Bedeutung der Worte klar wird, aber interessant ist es dennoch!

Der Titel „Gabe“ ist wieder einmal überaus zutreffend und benötigt eigentlich keiner weiteren Erklärung. Wie im Klappentext geschildert geht es vor allem um den Durst nach der Gabe, der die ganze Handlung gut beschreibt. Außerdem bringt der Titel alle Handlungen unter einen Hut, denn es ging immer um die Gabe – und wird auch immer um diese gehen.

Das Cover ist gewohnt minimalistisch. Anstelle eines Schwanzes oder eines Rabenschädels finden sich Rabenfedern darauf, die mit Blut besprenkelt sind und wohl auf das wichtigste Ereignis im Buch hindeuten (was ich euch natürlich nicht spoilern werden, keine Bange). Die Schrift ist wieder dunkel gehalten, die Farbgebung an sich graubläulich. Leider findet sich aber wieder eine Bewertung auf dem Cover, anstatt unter dem Klappentext. Aber sonst ein sehr schönes Cover.

Der Plot hat mich wieder umgehauen. Ich habe nach dem zweiten Band mit etwas ganz anderem gerechnet.. aber ich wurde wieder vom Gegenteil überzeugt. Erneut fand ich mich in einer gut konzipierten und durchdachten Handlung. Ich habe alle Hinweise verstanden und dennoch mit Hirka und Rime mitgefiebert, gefreut, geweint! Und überraschenderweise haben die Beiden ihr Verhalten aus Buch zwei sogar reflektiert und versucht nochmals umzulenken. Als sei es in Band zwei ein anderes Ich gewesen, was für sie gehandelt hat… Wirklich gut gelöst!
Innerhalb der Handlung geht es um Hirka, welche die Menschenwelt verlässt und in ihre eigentliche Heimatwelt reist, die Welt der Umpiri. Dort wird sie von Skerri empfangen, nicht gerade zimperlich, und stößt auf uralte arrogante und in sich vernarrte Wesen, die alles für ihre Rangordnung tun würden. Neben den hochrangigen Umpiri gibt es auch die, die in Ungnade gefallen sind. Natürlich sind es genau diese, welche Hirka in ihren Bann ziehen.
Jedoch wird ihr auch klar, dass sie nicht wirklich zu den Umpiri gehört. Sie kämpft für Frieden und ist eine Heilerin, während die Umpiri gabendürstige Wesen sind, die jemanden für ein unverschuldetes Vergehen töten. Doch dann trifft sie den Seher, denn sie braucht ein Heilmittel. Ein Heilmittel für Rime, für die Welt. Für die Gabe. Und er ist der Einzige, der sie verstehen kann. Ein waghalsiges Unternehmen kommt auf sie zu, doch selbst davor schreckt sie nicht zurück.
Rime indessen wird bewusst, was seine Abwesenheit angerichtet hat. Der Rat ist gestürzt, er hat seine Macht verloren und selbst die bereits toten Schatten ereilte das Draumheim. Zudem wird ihm klar, was ihm sein Verhalten genützt hat: nichts. Er hat alles verloren. Verbündete, Hirka, das Vertrauen seines Volkes. Ein Krieg steht bevor, denn er weiß von Graal, was die Umpiri vor haben. Dass Hirka sie nicht aufhalten kann. Für ihn und seine Welt gibt es kein Heilmittel.

Die Charaktere sind wieder stark und tiefgründig. Hirka wird reifer und doch muss sie eine Rolle spielen, die ihr nicht behagt. Sie nimmt die Rolle einer harschen Anführerin ein, damit sie bei den Umpiri überleben kann, welche jedoch gedanklich ständig reflektiert wird. Ihr eigentliches Ziel, nämlich ein friedvolles Miteinander und das Heilen ihrer Liebsten, bleiben stets vordergründig und werden immer wieder betont. Sie ist sich im klaren darüber, was sie in der Menschenwelt falsch machte und es scheint, als fände sie vollends zu sich selbst.
Rime fällt ebenfalls sein vorheriges Fehlverhalten auf und ihm wird bewusst, was diese Fehler letztendlich bedeuten. Ihm wird klar, dass er sich nicht von seinen Emotionen leiten lassen kann und findet zu seinem alten Ich zurück, welches vernünftig und rational agiert. Doch er lässt sich von seinen Fehltritten nicht unterkriegen, sondern kämpft und beißt sich durch, ganz gleich wie auswegslos sein Weg scheint.
Ich habe mich wieder in Rime und Hirka verliebt. Sie haben beide eine neue Tiefe erlangt, welche gekonnt betont wurde. Man merkt, dass sie innerhalb der Reihe einige Jahre gealtert sind und in jener Zeit so viel traumatisches durchgemacht haben, dass sie dadurch gereift sind. Doch nicht nur haben die Traumata sie verändert, sondern auch in ihrem Verhalten und in ihren Prinzipien gefestigt. Ich empfand die Entwicklung als gut begründet und logisch; beide Charaktere habe ich sehr gemocht und mich insbesondere über das Ende gefreut. Aber ich habe auch mit beiden fühlen können und hier und da wieder ein paar Tränchen verdrückt. Ich glaube, bei keiner Trilogie musste ich bisher so viel weinen!

Die Nebencharaktere waren wieder sinnvoll eingesetzt, gleichzeitig erhielten aber manche eine leichte Tiefe. Besonders gefallen haben mir die Umpiri Skerri und Kolail, die ständig an Hirkas Seite waren. Sie waren interessante Gegenparts zu ihr, wodurch es viele spannende Interessenskonflikte gab. Aber auch das Kapitel von Graal fand ich sehr schön oder die Ratsfigur Darkdagger charakterlich sehr interessant, da er sich sehr von den Anderen abhob. Alles in allem gab es viele schöne Konstellationen und auch Charaktere aus „Odinskind“, die in „Fäulnis“ keine wirkliche Nennung fanden, haben nochmal ihren kleinen Augenblick in der Handlung gefunden. Am Ende mochte ich einfach alle und empfand sie alle als gute Ergänzung der Handlung.

Fazit
Ich. liebe. es. Gabe ist ein total spannendes und tolles Ende der Rabenringe-Trilogie und hat meine leichte Enttäuschung über den zweiten Band wieder wett gemacht. Ich war einfach begeistert und konnte nicht glauben, dass es schon vorbei ist. Wenn es nach mir ginge, könnte ich noch mehr Bücher aus dem Rabenringe-Universum lesen.
Schlussendlich lässt sich damit sagen: du solltest die Trilogie lesen. Ich habe nicht nur viel über Hirka und Rime gelernt und ein neues Fantasy-Universum genossen, sondern auch viel ins echte Leben übertragen können, wodurch ich hier und da wirklich nachdenklich wurde. Wirklich tolle Bücher!

Und, wie fandest du die Triologie? Wer ist dein Lieblingsprotagonist? Lass‘ es mich wissen!

Deine Isa

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