Nemesis

Julian Schulze

„Hör mal …“, begann Jack stockend. „Lass uns später reden.“
„Die haben uns in der Kirche der Wahrheit erzählt, dass ihr über Nacht abgehauen sein“, hakte David nach.
Was hatte das alles zu bedeuten? „Ich verstehe gerade selbst nicht ganz, was hier los ist. Später werden wir darüber sicher lachen. Aber ich muss jetzt wirklich los.“
David wirkte nicht gerade glücklich über diese Antwort, schwieg aber.
„Bis später dann“, murmelte Jack geistesabwesend und ließ ihn stehen. Er drehte sich u und ging eilig auf das Haus seiner Eltern zu. Es sah düster und verlassen aus.
Mit klopfendem Herzen blieb Jack vor der Haustür stehen. Ihm war übel vor Aufregung. Er packte den Türgriff und wusste, was immer ihn im Haus erwartete, es würde sein Leben für immer verändern.
„Mama? Papa? Seid ihr zu Hause?“
Niemand antwortete. Im Haus herrschte eine fast greifbare, erdrückende Stille.
Jack durchlief den Flur. Das Esszimmer war leer.
„Ist jemand zu Hause?“
Keine Antwort.
– Nemesis | S. 77f. –

Klappentext: Das Paradies ist verloren, das weiß Jack genauso wie jeder andere im Dorf. Nach dem dritten Weltkrieg hat Gott sie in das gigantische Höhlennetzwerk verbannt, in dessen Eingeweide Finsternis und Monster lauern. Deshalb will Jack Hüter werden, um die Gefahren genauso zu bekämpfen wie die Sünde. Denn erst, wenn alle Sünder tot sind, wird Gott ihnen verzeihen. So steht es im Buch der Wahrheit geschrieben.
Oder ist das eine Lüge?

„Nemesis“ ist nicht nur der fantastische, dystopische Debütroman von Julian Schulze, sondern auch der Auftakt zu seinen „Lost Paradise Chroniken“. Der erste Band erzählt auf 524 Seiten, in 47 Kapitel gegliedert, die Geschichte des jungen Mannes Jack. Jener wächst in einer kleinen Gemeinde auf, in einem Tunnelgewirr unter der Erde, da die Oberwelt zerstört ist. Laut dem Buch der Wahrheit müssen alle Sünden ausgemerzt werden, sodass die Oberwelt von Gott wiederhergestellt werden kann und sie aus der dunklen Unterwelt zurückkehren können. Daher will Jack auch Hüter werden, denn er will die Gesetze schützen, sodass spätere Generationen wieder an der Oberfläche leben können, sein Vorbild der eiserne Hüter Claw.
Als er jedoch von dem verrücktgewordenen Tao-Li und den Terroristen der Unterwelt erfährt, scheint nichts mehr so werden zu können, wie es einmal war. Er trifft in einem Tempel auf Chen und Leana, welche als Agenten tätig sind. Er erfährt die Wahrheit über seine Eltern. Doch für welche Seite arbeiten sie? Und wie viel Wahrheit steckt wirklich im Buch der Wahrheit?

Julian Schulze erschafft eine düstere Welt, welche nicht nur fantastische Elemente abdeckt, sondern auch Jacks Abenteuer erzählt, gespickt mit ein wenig Sci-Fi in der Stadt Leybari und einer dystopischen Unterwelt. Doch auch die Zwischenmenschlichkeit wird betont, die Teilung von Bevölkerungsschichten und unterbewusst hat es mich mehrmals an die Dinge, wie sie jetzt in der realen Welt stehen, nachdenken lassen.

Der Titel „Nemesis“ ist eine Anspielung, die man vielleicht nicht sogleich versteht. Auch ich bin mir nicht ganz sicher, doch ist ein starkes Motiv innerhalb der Erzählung die Rache, welche sich auch im Namen widerspiegelt, angelehnt an die griechische Rachegöttin. Rache wird also thematisiert und könnte daher darauf zu schließen sein. Der Untertitel „Lost Paradise Chroniken“ greift schon eher das auf, worum es geht – darum, dass die Oberwelt verloren ist und das Wort des Buches der Wahrheit gilt. Er ist also durchaus passend und einprägsam.

Das Cover zeigt eine Illustration eines Wurmot, eines furchteinflößenden Wurmmonsters der Unterwelt, auf dunklem Hintergrund. Lediglich das Licht des abgebildeten Jacks, der dem Monstrum begegnet, erhellt ein wenig die Höhle. Die Atmosphäre der Unterwelt wird damit eingefangen und gefällt mir sehr gut. Der Titel, der sich durch eine violette Schrift abhebt, steht über dem Wurmot, während der Autorenname in gleicher Farbe unter Jack steht. Ich finde es schön, insbesondere die Illustration ist richtig cool!

Der Plot ist von Anfang an spannend. Sogleich taucht man in Jacks Welt ein, in die Gegebenheiten der Unterwelt. Die Erzählperspektive ist so gewählt, dass die Handlung immer von Jack betrachtet wird, auch wenn der Erzähler allwissend scheint. Der Schreibstil ist dabei leicht verständlich, sodass man der ereignisreichen Handlung gut folgen kann. Für mich gab es keine Sinneslücken oder Logikfehler; ich war wirklich fasziniert von der erschafften Welt und der Handlung, der gefolgt wurde, obgleich ich eher zu den High Fantasy-Leserinnen gehöre und dort die Handlungen eher vielschichtig verzweigt sind. Es war angenehm mal einer linearen Handlung folgen zu können, ohne großartige Ablenkungen.

Gleichzeitig, neben Jacks Werdegang, erlangt Leser*in auch tiefe Einblicke in sein Leben als junger Erwachsener. Man lernt ihn innerhalb der Handlung besser kennen, seine Gefühle und Entscheidungen, wie sich jene aufbauen und wie rational oder gefühlvoll er handelt. An manchen Stellen musste ich mit ihm mitfiebern, insbesondere als er eine gute Freundin umwarb. – Und dabei bin ich gar nicht die Liebesduselige!

Die Charaktere sind fast alle stimmig und einzigartig. Natürlich erfährt man insbesondere über Jack eine Menge, auf welchen sich der Autor in seiner Erzählung fokussiert. Indirekt erfährt man aber auch viel über Chen, der ein wenig wie ein Möchtegern wirkt, alles besser weiß und das tut, wonach ihm gerade ist. Oder Leroy, welcher ein wenig auf Jack aufpasst, gerade in der Hauptstadt. Gleichzeitig erfährt man aber auch viel über seinen düsteren Hintergrund. Nur die Frauencharaktere finde ich flach gestaltet; man erfährt recht wenig über Leana oder Mandy und sie wirken Beide ziemlich ähnlich. Ihnen fehlt etwas Tiefgang, doch die männlichen Charaktere waren allesamt interessante Persönlichkeiten.
Auch die Nebencharaktere wie Tao-Li, Claw, Matze, Holloway – um nur einige zu nennen – brachten die Handlung amüsant und energetisch voran. Manche hatten nur kurze Auftritte, aber sie wurden zur rechten Zeit eingesetzt und unterschieden sich maßgeblich voneinander. Hier und da konnte ich mir aber einen Lacher nicht verkneifen – Holloway war echt schon übertrieben cholerisch.

Fazit
„Nemesis“ ist ein Buch, in welches ich schnell hinein gefunden habe und sich stark von dem unterscheidet, was ich regulär lese. Aber es war mal angenehm keine komplizierte Handlung vor sich zu haben, sondern einfach mal dem Flow folgen zu können, der von Charakteren lustig und aufregend gestaltet wurde. Nichtsdestotrotz gab es spannende Wendungen, mit welchen ich nicht gerechnet hatte, aber dann doch glasklar waren, nachdem sie erklärt wurden (ich erwähne nur mal Chen…). Und auch wenn ich anfangs dachte, dass es doch eher ein Jugendbuch wäre, haben mich die brutalen Kriegseinwürfe davon überzeugt, dass es doch eher in Richtung junger Erwachsener geht.

Es war ein guter Auftakt, der mir Lust auf mehr gemacht hat! Ich bin schon auf den zweiten Teil gespannt, der hoffentlich bald kommt!

Eure Isa

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