Odinskind

Siri Pettersen – Die Rabenringe

„Die Wölfe…“ Sie schluckte, die Worte wollten nicht heraus. „Die Wölfe haben sich meinen Schwanz geholt. Du hast gesagt…“
„Ja, was zum Draumheim hätte ich denn sonst sagen sollen?“
„Aber die Narbe…?“ Hirka spürte, wie der Kloß im Hals immer größer wurde, bis er wehtat.
„Ich habe dir diese Narbe gemacht, Kind!“, rief Vater, als sei es ihre Schuld. „Ich habe dir die Spuren von Zähnen in den Rücken geschnitten. Das war nicht einfach. Es musste echt aussehen. Und du hast geschrien. Ich musste dir mit der Hand den Mund zuhalten. Du hättest sonst das halbe Dorf aufgeweckt!“ Vaters Gesicht war dunkelrot im Schein der Glut.
„Entschuldige…“, war alles, was sie herausbrachte.
Sie sah sein Gesicht zerspringen, als habe sie ihn geschlagen.
„Begreifst du es jetzt, Mädchen? Begreifst du, warum wir wegfahren müssen?“
„Du bist ohne Schwanz auf die Welt gekommen, im Steinkreis bei Ulvheim, und du kannst nicht umarmen. Ich weiß nicht, woher du kommst oder was du bist, aber wir fahren auf alle Fälle los! Wenn du eine von den Schwanzlosen bist… ein Odinskind…“
Das Wort traf sie wie ein Peitschenhieb ins Herz.
– Thorrald & Hirka | S. 43f. –

Klappentext: Hirka ist in Ymsland aufgewachsen. Mit fünfzehn findet sie heraus, dass sie ein Odinskind ist – ein schwanzloses Wesen aus einer anderen Welt. Von nun an ändert sich alles in ihrem Leben: Sie wird verachtet und verfolgt. Aber das ist nur der Anfang, denn Hirka ist nicht die einzige Fremde, die es durch die Steintore nach Ym verschlagen hat…

Meine Bewertung:
Anmerkung: ich beziehe mich lediglich auf die deutsche Ausgabe

„Odinskind“ ist der Auftakt der Rabenringe-Trilogie von Siri Pettersen. Der Inhalt der Erzählung ist auf 646 Seiten verteilt und basiert auf einer Haupthandlung, die aus drei Charakter-Sichten geschildert wird. Jeder Charakter verfolgt zudem einen eigenen Nebenplot, der im jeweiligen Kapitel betont wird.
Die Haupthandlung dreht sich um die Protagonistin Hirka, welche entdeckt, dass sie ein Odinskind ist und sich zum Ziel setzt herauszufinden, woher sie kommt und was es mit den Menskr auf sich hat. Unterstützt wird sie von Rime An-Elderin, ein Ratssohn, der gleichzeitig ihr Kindheitsfreund ist. Er verfolgt jedoch auch ein eigenes Ziel: den Rat zu entmächtigen. Die dritte Perspektive wird aus der Sicht des Ratsherrn Urd Vanfarinn geschildert, der mit dem sogenannten Blindwerk vertraut ist und Hirka vernichten will – oder auch nicht.

Der Grundgedanke und viele Motive basieren auf der nordischen Mythologie, umgesetzt in einer Fantasiewelt, deren Erzählung sich vor allem in Ymsland abspielt. Es geht aber auch um Machtverhältnisse, mehrere Welten, eine Ymlingen innewohnende Gabe und Liebe.

Besonders hervorzuheben ist die persönliche Widmung der Autorin, direkt zu Beginn des Buches, die ich persönlich sehr spannend fand. Es sind nicht nur persönliche Worte von Siri Pettersen, sondern spiegeln auch die Atmosphäre des ganzen Buches wieder:

„Und für dich und für alle, die immer Bücher gelesen haben, von denen noch nie jemand gehört hat. Für alle, die etwas anders waren und in der Klasse immer ganz hinten saßen. Für alle, die in einem dunklen Keller aufgewachsen sind, wo die Würfel über euer Schicksal entschieden. Für alle, die sich immer noch verkleiden. Für alle, die nie richtig dazugehörten und oft das Gefühl hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.
Das hier ist euer Buch.“

Am Ende des Buches findet sich ein Glossar, in welchem wichtige Worte und Gegenstände erklärt werden, die einem im Laufe der Handlung begegnen.

Der Titel „Odinskind“ ist überaus passend, da er einen ersten Hinweis auf die Protagonistin gibt. Außerdem wird auch der Klappentext nochmals aufgenommen und verrät somit, dass es um Hirkas Erfahrung als Odinskind geht. Er ist aber nicht als Spoiler zu verstehen, sondern macht viel eher neugierig. Jedem sagt wohl Odin etwas und man erkennt sogleich, dass es mit nordischer Mythologie zu tun hat. Ein wirklich guter, kurzer Titel!

Das Cover ist simpel und minimalistisch, wodurch es mich gleich angezogen hat. Die Farbgebung ist hellgrau, mit schwarzer glänzender Schrift und braunem Schwanz, der den Fokus sogleich auf sich zieht und in rotem Blut mündet. Es ist überaus schlau, denn der Schwanz steht für das Volk, um welches es geht – die Ym. Diese haben einen Schwanz, doch Odinskinder haben jenen nicht. Titel und Cover lassen also durchdacht auf den Inhalt schließen.
Das Blut steht für die düstere Atmosphäre, welche die Erzählung begleitet. Diese Illustration des Blutes und des Schwanzes setzen sich sogar fort, wenn man den Einband aufklappt.

Was mich an dem Cover jedoch stört, ist die darauf platzierte Bewertung einer Person. Wieso ist diese nicht auf dem Klappentext? Ich finde, dass das schöne Cover dadurch etwas verunstaltet wird und irgendwie wirkt es so, als müsse das Buch unbedingt anerkannt werden. Meiner Meinung nach sollte das Cover aber für sich alleine sprechen können. Die Bewertung verleitet mich nicht zum Buchkauf. Wie siehst du das?

Der Plot hat mich richtig überrascht. Es gab spannende Wendungen, es wurde emotional, ich habe nichts voraussehen können. Es hat mich wirklich verblüfft und das Ende musste ich erst einmal verarbeiten.
Inhaltlich geht es um Hirka, welche mit Thorrald – ihrem Vater – in einem abgelegenen Haus im Dorf Eleovora wohnt. Sie ist ein echter Wildfang und versteht sich mit Gleichaltrigen schlecht, da sie aufgrund des Fehlen ihres Schwanzes diskriminiert wird. Lediglich mit dem geistig zurückgebliebenen Vettle versteht sie sich blendend.
Schließlich steht das alljährliche Ritual an, welchem sich alle fünfzehnjährigen stellen müssen. Es findet in Manfalla statt und dient dazu den Segen gegen die Blinden zu erhalten, sowie die Macht der innewohnenden Gabe feststellen zu können. Es ist die Möglichkeit für einfache Ymlinge in ihren Rängen nach oben zu steigen, denn jeder sehnt sich nach einem Platz in Eisvaldr.
Hirka kann jedoch nicht umarmen und daraufhin erfährt sie von ihrem Vater, dass sie kein Ym ist, sondern ein Menskr – ein Odinskind. Diese sind gefürchtet und werden von Schwarzröcken verfolgt, da sie die Fäulnis verbreiten.
Ihr Vater will also vor dem Ritual fliehen und greift zu rabiaten Maßnahmen, damit Hirka in Sicherheit sein kann. Jene sucht Hilfe bei ihrem alten Kindheitsfreund Rime, der als Gardist dienst und seine Großmutter Ilume, die Ratsmitglied ist, von Elveora nach Manfalla begleiten muss. Er versucht ihr zu helfen und zusammen schmieden sie einen Plan, damit Hirka das Ritual besteht, da sie feststellen, dass sie die Gabe zwar nicht selbst heraufbeschwören kann, aber als Verstärker dient und die Gabe einige Momente in ihr verhallt.
Rime will ihr in Eisvaldr helfen.. doch ihr Plan schlägt fehl und das Volk in Manfalla wird in Chaos gestürzt. Hirka kämpft mit Leben und Tod. Rime setzt alles auf eine Karte, als Schwarzrock. – Und Ratsmitglied Urd sieht seine Chance zuzuschlagen, bevor der Schnabel in seinem Hals es verhindert.

Die Charaktere sind sehr divers und durchdacht. Was mich positiv überrascht hat, ist, dass sie sich ihrem Alter entsprechend verhalten und man das auch an dem Schreibstil im jeweiligen Kapitel merkt. Hirka ist zwar durchaus gewitzt, aber sie agiert nicht als wäre sie eine Weise, sondern handelt wie es eine Jugendliche es tun würde. Doch bereits ihr Aussehen, welches sehr ausführlich beschrieben wird, lässt darauf schließen, dass sie etwas Besonderes ist und sich von den Anderen dadurch abhebt.
Hirkas Kapitel sind von Emotionen und innerem Erleben durchtränkt, in welches ich mich ziemlich gut einfühlen konnte. Ich litt mit ihr, freute mich mit ihr und konnte ihren Werdegang durchaus nachvollziehen. Sie ist einfach, wie die Widmung von Pettersen zu Beginn des Buches verlauten ließ: zur falschen Zeit am falschen Ort.
Interessant finde ich es auch, dass diverse Traumata auch wirklich ständige Begleiter sind. Es passiert nicht etwas und Hirka kann das abtun, sondern sie durchlebt es immer wieder und denkt erneut und erneut darüber nach. Das hat vor allem einen Einblick in ihre Psyche ermöglicht, was ich besonders spannend fand und gleichzeitig ihren Wandel oder ihre Entscheidungen erklärt.
Auch Rime, der als Gegenpart zu Hirka zu verstehen ist, finde ich besonders gelungen. Er ist etwas älter als Hirka, was man ihm auch in seiner Art zu Denken und seinen Handlungen anmerkt; ein stiller Rebell, der sich vor allem gegen die bestehenden Machtverhältnisse auflehnt und Dinge tut, mit denen keiner rechnet. Er wird oftmals mit einem Wolf vergleichen, was ich als durchaus passender Vergleich sehe: er ist kein Einzelgänger, sondern schützt sein Rudel, so gut er kann und nach seinem ermessen, auch wenn er wie ein einsamer Wolf wirkt. Bei ihm ist die Emotionalität eher kühl, was durchaus passend ist. Dennoch bekommt man einen überaus guten Einblick in Rime.
Urd, der radikale und brutale Ratsherr, ist eher eine ergänzende Figur um die Handlung voran zu treiben. Er ist der klassische Bösewicht, mit dem man keine Sympathie verspüren soll. Er handelt ohne Skrupel und ich mochte ihn kein bisschen, was aber durchaus intendiert war. Dennoch erfährt man etwas über seine Vergangenheit und seine Intention, wobei es nicht wirkt, als würde er wegen sich selbst handeln. Ich hatte oftmals das Gefühl, dass er einfach nur das tut, wofür die Autorin ihn eben braucht, da seine Taten irgendwie nicht erklärt wurden – jedenfalls kam es mir so vor. Man hätte ihn tiefgründiger einbauen können, seine eigenen Zweifel, Ängste und Traumata hervorheben können um ihn Rime und Hirka ebenbürtig zu machen.

Zwischen Rime und Hirka entwickelt sich im Laufe der Handlung auch eine gewisse leidenschaftliche Spannung, die in mir Hoffnung auf mehr machte. Ich bin zwar keine Romantasy-Liebhaberin, aber habe mir trotzdem gewünscht, dass die Beiden irgendwie zueinander finden..

Neben den drei Protagonisten gibt es auch eine beachtliche Anzahl von Nebencharakteren, wie Kuro, der Rat der 12, Thorrald, Ramoja, Vettle und Sylja, die jedoch alleinig dazu dienen, die Handlung voran zu treiben und der Leserschaft ermöglichen, einen anderen Einblick auf einen Protagonisten zu erhalten oder etwas Konfliktpotenzial einzustreuen. Sie sind sinnvoll eingebracht und allesamt sehr unterschiedlich, wodurch die Handlung interessant ergänzt wurde.

Fazit
„Odinskind“ finde ich einen überaus guten Auftakt der Rabenringe-Trilogie. Ich habe das Buch förmlich verschlungen, weil Rime und Hirka mich total in ihren Bann gezogen haben. Die Wendungen waren richtig gut und ich musste oftmals inne halten, weil ich einfach von der intelligenten und überaus durchdachten Handlung total überrascht war. Es war alles logisch und gleichzeitig gefühlvoll, sodass ich hier und da doch Tränen verdrücken musste. Und ich fand auch die Einbettung der nordischen Mythologie echt cool. Siri Pettersen hat das wirklich gut interpretiert. Auf jeden Fall eine klare Empfehlung!

Hast du es schon gelesen? Lass‘ es mich gerne wissen!

Deine Isa

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